Grundzüge der Philosophie Heinemanns

 

Heinemanns Aufmerksamkeit galt besonders der Existenzphilosophie bzw. dem Existentialismus. Er verwendete den Ausdruck „Existenzphilosophie“ zum ersten Mal 1929 als Kennzeichnung einer neuen Richtung in der Philosophie, auch wenn er den Begriff selbst nicht prägte.

 

I. Kritik der Existenzphilosophie

 

Heinemanns Aufmerksamkeit galt besonders der Existenzphilosophie bzw. dem Existentialismus. Er verwendete den Ausdruck „Existenzphilosophie“ zum ersten Mal 1929 als Kennzeichnung einer neuen Richtung in der Philosophie, auch wenn er den Begriff selbst nicht prägte. Die „neuen Wege“ dieser Philosophie sah er darin eröffnet, dass die Philosophie zum Leben und zu den Sachen selbst durchstieß und nicht in abstrakter Rationalität gleichsam „irrational“ in der Luft hängenblieb. Philosophie sollte sich mit der Lebendigkeit des Lebens auch in seinen sinnlichen Aspekten (Natur, Kunst, Gefühl) beschäftigen, nicht mit reinen „Verstandesthemen“. Seine Skepsis gegenüber der durchrationalisierten Technikwelt und der entpersonalisierenden Massengesellschaft gründete auf seiner tiefen Empfindung vom Bankrott des rechnenden Verstandes. Dieses Gefühl verband ihn einerseits mit manchen Vertretern der Existenzphilosophie. Andererseits reichten ihm die Entwürfe und Systeme der Existenzphilosophie nicht aus.

 

Angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die den grausigen Abgrund der Sinn- und Orientierungslosigkeit und „das Nichts in seiner menschenmordenden Form“ enthüllten, und angesichts der krisenhaften Spannungen in der Welt nach 1945 stellte sich für Heinemann die Frage, ob der Existentialismus auch lebbar oder nur ein nachdenkenswertes philosophisches Programm sei. War der Existentialismus im Zeitalter der totalitären Ideologien, der Atombombe, der Entwurzelungen und Vertreibungen noch zu „geistiger Führerschaft“ fähig? Auch andere geistige Angebote hatten nach Heinemann versagt und zur weiteren Entfremdung des Menschen von sich und vom Leben geführt. Die Spezialisierung der Wissenschaften erzeuge ein geistiges Vakuum, das Christentum habe keine Antworten mehr, der Marxismus habe sich selbst als unterdrückerische Lehre erwiesen und der Positivismus habe das rationale Denken und die Technik an die oberste Stelle gesetzt. Die Technik inklusive des Computers sei selbst bedrohlich geworden, auch Kunst und Musik definierten sich nur noch durch technisch-methodisches Können, so daß unsere Kultur als solche bedroht sei.

 

An Husserl, den er persönlich kannte, (der aber eigentlich kein Existenzphilosoph ist), kritisierte er die Unmöglichkeit einer reinen Bewusstseinsphilosophie und das Fehlen eines „gesunden Menschenverstandes“. An Jaspers kritisiert er dessen philosophisch-mystische Bewegung ins Unendliche, die dem Menschen zwischen „Existenz“ und einem „Umgreifenden“ (Gott) nur ein verschwindendes Dasein übriglasse. Sartres Philosophie habe sich - bei vollem Respekt für seine Leistung im Widerstand gegen den Nationalsozialismus - dadurch diskreditiert, dass sie ihre Position als Gegenpol gegen die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts nicht durchgehalten habe, da Sartre sich selbst zum Marxismus hingezogen fühlte. Das Grundübel des Existentialismus sei jedoch, dass er aus den absurden Ereignissen in der Welt die Absurdität und Sinnlosigkeit der Welt selbst schließe. Der Existentialismus sei ein Indiz für die wachsende Gefährlichkeit der Welt, deren bedrückende Probleme den Menschen auch geistig „nihilistisch“ zu vernichten drohten. Deshalb seien die existentiellen Fragen nach wie vor echt und richtig, aber die existenzphilosophischen Lösungsangebote unzureichend, da sie den bedrängten Menschen in den „Ruinen einer erschütterten Welt“ mit seinen Entscheidungsproblemen allein ließen. Man brauche keine Existenzphilosophen, sondern existentielle Philosophen, die die „Feuerprobe des Nihilismus“ bestehen. Die Existenz müsse von einem konstitutiven Prinzip in eine regulative Idee umgewandelt werden.

 

II. Der Mensch als antwortendes Wesen
 
Entsprechend der Vielseitigkeit der Daseinsebenen des Menschen entwickelt Heinemann eine „Resonanzphilosophie“. Der Mensch als ein natürliches, sinnliches, nachdenkendes, fragendes, ethisches, aber auch religiöses Wesen stehe als ganzes mit allen Wirklichkeitsebenen in einer Beziehung (Resonanz). Der Mensch müsse auf alle an ihn gestellten Herausforderungen reagieren, das heißt antworten. Deshalb ist die Responsabilität das Grundprinzip der Anthropologie Heinemanns : respondeo, ergo sum (ich antworte , also bin ich ). Krisen des Menschen entstünden , wenn der Mensch auf Teilbereiche und Teilantworten reduziert werde, also die Totalresonanz der Partialresonanz geopfert werde. Da Heinemann überzeugt ist, dass alle philosophischen Prinzipien letztlich auf philosophischem Glauben beruhen, also nicht vollständig rational begründbar seien, erstreckt sich sein philosophisches Fragen auch auf die religiöse Dimension. So unterscheidet er drei Hauptbereiche der Wirklichkeit und des Nachdenkens: Welt, Mensch und Gott.
 
Die Welt als Natur mit Tieren und Pflanzen kommt bei Heinmann zwar in den Blick, aber der Traum einer umfassenden Naturphilosophie sei ausgeträumt, da die Natur uns keinen absoluten Sinn vermitteln könne. Zwar stellt für Heinemann das konkrete Leben ( z.B. der Bauplan einer Eiche) einen Wert dar, so daß schon primitives Leben wertgerichtet und wertvoll sei (gegen Schopenhauer). Alle Interpretationen der Natur gingen aber vom menschlichen Geist aus. Derjenige Mensch, der im Kosmos die „Musik der Sphären“ zu hören meine oder die „Harmonie der Zahlen“ wiederzufinden glaube, erkenne etwas „wieder“, was nur entfernt mit dem menschlichen Geist selbst verwandt sei, das heißt, er deute Analogisches in Identisches um.
 
Der Mensch stehe zwar mit dem Kosmos in Resonanz, habe aber eine herausragende Stellung in der Natur. Hier knüpft Heinemann an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen an (vgl. 1.Mose 1 ) und verwendet diesen Begriff in einem nüchternen antiideologischen Sinn. Da Heinemann den Menschen grundsätzlich in gefährdende Situationen gestellt sieht, die er als nicht änderbare „Entfremdung“ bezeichnet, sei die Ver- antwortung (!) des Menschen gefragt. Insbesondere die schrumpfende Weltkugel und das Bevölkerungswachstum der Menschheit erforderten eine erweiterte Verantwortlichkeit des Menschen - auch vor Gott.
 
Gott ist für Heinemann als Gegenpol zur Welt notwendig, da er die Absolutsetzung des Menschen und der Welt (Vergottung) verhindere und den bedrohlichen Druck der Verhältnisse der Welt auf den Menschen abschwäche und dem Menschen einen positiven Sinn verleihe. Der Mensch habe nur die Wahl zwischen dem Nichts (der Sinnlosigkeit) oder Gott als „Bejahung in höchstmöglicher Form“ (positiver Lebensgrund). Heinemann kritisiert seinerseits die atheistische Religionskritik, die - rein destruktiv verstanden - fatale Folgen gehabt habe. Mit dem Glauben an Gott sei aber nicht ein „ekstatischer Aufschwung“ zum transzendenten Einen im Sinne Plotins oder eine mystische Erfahrung gemeint. Die Erfahrung des Göttlichen sei auch nicht an eine Religion gebunden. Alle Religionen sollten ihre inneren moralischen Kräfte gegen den Nihilismus des 20. Jahrhunderts vereinen, wobei nicht an die Auflösung der Religionen oder an eine utopische Weltreligion gedacht ist. Scharf kritisiert Heinemann dagegen (schon 1957 !) neu aufkommende Ersatzreligionen und „esoterische Sekten“, wobei er Theosophen, Anthroposophen, Spiritisten und „Yogis“ in einem Zuge nennt. Für ihn ist der lebendige Gott der gleiche wie „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ , der den Menschen „in der Tiefe mit überströmendem Leben berührt“ , was mehr sei als reine Achtung der Menschlichkeit.
 

Daß Heinemann hier das geistige Erbe eines liberalen Judentums zur Geltung bringt, dürfte ebenso einleuchten wie die Einsicht in die Schwierigkeit einer streng philosophischen Vermittlung dieser Gedanken. Heinemanns Idee einer „Lebensgrundwissenschaft“, die das Gemeinsame aller Teilbereiche des menschlichen Forschens und Nachdenkens zur Aufgabe hätte, ist schemenhaft und unausgeführt geblieben. Man hat vermutet, dass Heinemann die schwierigen Jahre seiner Emigration in seinem Denk- und Schaffensprozess gehemmt hätten. Man muss aber feststellen , dass diese Aufgabe auch 30 Jahre nach Heinemanns Tod zu den kontroversen und ungelösten Themen der Philosophie gehört.

 

 

Autor: Gerhard Glombik -- zuletzt geändert: 28.10.2013

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