Carl Peters und die deutsche Kolonialpolitik 

I. Carl Peters und die Deutsch- Ostafrikanische Gesellschaft

 

 Carl Peters war während seines Aufenthaltes in London 1881- 83 , der ihm durch einen vermögenden Onkel ermöglicht wurde, von der tatkräftigen und weltoffenen englischen Mentalität stark beeindruckt. Eine Art Hassliebe zu England entstand: einerseits Bewunderung für das große britische Weltreich, andererseits Neid wegen des angeblich an den Rand gedrängten Deutschen Reiches. Deutschland die ihm gebührende Stellung in der Welt zu verschaffen, war eines der wichtigsten Motive der Kolonialpolitik von Carl Peters. Darüberhinaus gab er auch wirtschaftliche Interessen Deutschlands an. Die im 19. Jahrhundert aufgetretenen Probleme wie Bevölkerungs-wachstum, soziale Spannungen, Rohstoffmangel und Absatzschwierigkeiten glaubte Peters am besten durch Erwerbung von Kolonien bewältigen zu können. Dabei gab er offen zu, dass Kolonialismus die Bereicherung eines Volkes auf Kosten schwächerer Völker sei. Der auch mögliche Gedanke einer wirtschaftlichen Entwicklung des Kolonialgebietes im Interesse der eingeborenen Bevölkerung findet sich nicht explizit bei Peters.

 Hanseatische Handelshäuser waren schon vor Carl Peters geschäftlich unter englischem Schutz im Raum Sansibar und Ostafrika tätig. Seit Jahrhunderten bestanden an der Küste afrikanisch- arabische Mischkulturen,die mit Gewürzen und Tabak Handel trieben. Besonders wegen des Elfenbeins schickten arabische Kaufleute Karawanen ins Landesinnere, wobei die zum Transport mitverpflichteten Eingeborenen an der Küste als Sklaven verkauft wurden. Der Sultan von Sansibar, Said Bargasch, kontrollierte die etwa 2000 km lange Küste zwischenWarscheich im Norden und dem portugiesischen Mocambique im Süden. Ein Vertrag mit England und Frankreich von 1862 sicherte seinen Besitzstand. Bismarck hatte sich schon vor dem Auftreten des Kolonialpioniers Carl Peters zu einer Intensivierung der Handelsbeziehungen zur afrikanischen Ostküste und Sansibar entschlossen, wobei er ein freundschaftliches Verhältnis zum Sultan und die Respektierung des englischen Einflusses anstrebte. Dieses eher behutsame Vorgehen Bismarcks war Teil seiner großen außenpolitischen Konzeption, Englands Wohlwollen gegenüber Deutschland zu erhalten. So gingen Bismarck schon die Pläne des am 27.9. 1884 zum deutschen Generalkonsul in Sansibar ernannten Rohlfs, der gegen den Sklavenhandel an der ostafrikanischen Küste vorgehen wollte, zu weit, da sie zu Konflikten mit dem Sultan hätten führen können.

 

Peters Usagara-Expedition  

Karte 1: Peters Usagara-Expedition und Emin-Pascha-Expedition

 

Carl Peters, der am 28.3. 1884 die "Gesellschaftfür Deutsche Kolonisation" (GfDK) gegründet hatte, kam deshalb Bismarcks "informal empire"- Konzeption in die Quere, als er im November 1884 mit Graf Joachim von Pfeil und Karl Jühlke im Auftrag der GfDK in Sansibar eintraf. Das auswärtige Amt warnte Peters vor unüberlegten Aktionen, da außerdem Ende 1884 die Berliner Kongokonferenz begann. Carl Peters begab sich mit einer kleinen Gruppe ins Landesinnere und schloss auf seiner Usagara- Expedition vom 23.11. - 17.12.1884 (siehe Karte 1) zwölf Verträge mit Eingeborenen -Häuptlingen, besonders mit Sultan Muinin Sagara und dessen Sohn Kibuna. Peters und der GfDK wurde die privatrechtliche Nutzung und Ausbeutung von Bodenschätzen, das Recht auf Steuererhebung und die deutsche Oberhoheit über 140.000 km² übertragen, wobei Peters den privaten Besitzstand des Sultans und den Schutz seiner Dynastie zusicherte. Peters stellte den Antrag auf einen Schutzbrief, den Bismarck am 27.2. 1885 - einen Tag nach Abschluss der Kongokonferenz- gewährte.

 Es regte sich aber Protest bei Sultan Said Bargasch, der in London wegen der Verletzung seiner Hoheitsrechte Einspruch erhob. Bismarck erreichte in London eine für das Deutsche Reich wohlwollende Haltung. Um den widerspenstigen Sultan zum Einlenken zu bewegen, schickte Bismarck ein Flottengeschwader nach Sansibar, dasam 7.8. 1885 eintraf.Nach einer Woche Machtdemonstration gab der Sultan nach. In einem Vertrag mit Sansibar vom 20.12. 1885 erreichte Admiral Knorr freien Warenverkehr mit freiem Ausfuhrzoll und geringen Einfuhrzöllen, sowie das Benutzungsrecht für den Hafen von Daressalam. Eine deutsch- englische Kommission versuchte vom Dezember 1885 bis Frühsommer 1886 die genauen Grenzen des Sultanats festzulegen. Im deutsch- englischen Ostafrika-Abkommen vom 29.10. 1886 garantierten beide Mächte den Inselbesitz des Sultans und einen 10 km breiten Küstenstreifen vom portugiesischen Kap Delgado bis nördlich des Tangaflusses. Außerdem wurde eine deutsch- englische Interessensphärengrenze festgelegt und Deutschland erhielt das Protektorat über das Witu-Gebiet am Tana.

 Die "Deutsch- Ostafrikanische Gesellschaft" (DOAG), die im Februar 1885 aus der GfDK hervorgegangen war, hatte in der Zwischenzeit weitere Expeditionen unternommen. Trotz des Engagements von Bankhäusern hatte die DOAG zu wenig Mittel, um eine echte Herrschaft über das Schutzgebiet aufzubauen.Bismarck hielt sich weiter zurück, getreu seinem Grundsatz "den Pionieren folgen, aber ihnen nicht den Weg ebnen". Carl Peters, der 1887 von der DOAG als "Direktor" zu weiteren Verhandlungen nach Sansibar geschickt worden war, hatte erst Erfolg, als Said Bargasch 1888 starb. Dessen Nachfolger übertrug im April 1888 der DOAG die Oberhoheit über die gesamte Küste gegen einen prozentualen Anteil an den Zöllen. Als aber die DOAG ihre Verwaltungshoheit durchsetzen wollte, brach in den Küstenstädten ein Aufstand los, der von der arabischen Händlerschicht getragen wurde. Bismarck, der sich immer noch distanziert zu den Erwerbungen als "Stück Papier mit Negerkreuzen darunter" äußerte, musste erkennen, dass seine Politik des "informal empire" gescheitert war. Deutsche Kriegsschiffe bombardierten ab Mai 1889 die Hafenorte und eine Expeditionstruppe unter dem Befehl von Hermann v. Wissmann schlug den Aufstand mit Hilfe von Askaris (schwarzen Söldnern) bis Januar 1891 nieder. (Peters befand sich 1888 in Deutschland und danach bis 1890 aufseiner Emin-Pascha- Expedition.) Ende 1890 stellte das Deutsche Reich das Schutzgebiet der DOAG unter seine staatliche Verwaltung; Deutsch- Ostafrika wurde zu einer deutschen Kolonie.

 

 Carl Peters Kolonie Dt.Ostafrika

 Karte 2. Die Kolonie Deutsch- Ostafrika 1890

 

II. Carl Peters und die Emin- Pascha- Expedition 1889-90

 

 Ägypten hatte sich Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Statthalter des türkischen Sultans, Khedive genannt, Mehmed Ali (1768- 1849) vom Osmanischen Reich gelöst und den Sudan unter seine Herrschaft gebracht. Die Nachfolger Mehmed Alis begünstigten die Einwanderung von Europäern, holten europäische Techniker ins Land (1854 - 69 Bau des Suezkanals) und überließen die Herrschaft der Grenzprovinzen des Sudans europäischen Gouverneuren. Die Äquatorialprovinz des Sudan war zunächst dem Engländer Samuel Baker , ab 1878 dem deutschen Oberarzt der Provinz Dr. Eduard Schnitzer übertragen worden. Unter dem Namen Emin war er zum Islam übergetreten und regierte als Emin Pascha die Äquatorialprovinz. Der Sudan war damals Hauptumschlag- platz für die am oberen Lauf des Nils gefangenen Sklaven. Seit den Berichten europäischer Forschungsreisender über die Grausamkeiten islamischer Sklavenjäger und - händler bemühte man sich auf Drängen europäischer Politiker um die Bekämpfung des Sklavenhandels. Nach vergeblichen Versuchen Samuel Bakers sah ab 1877 der englische Generalgouverneur Charles Gordon in Khartum dieses als eine seiner Hauptaufgaben. 1881 entlud sich die soziale Unzufriedenheit mit den hohen Steuern, einer Hungersnot und dem Hass gegenüber "den Fremden" im Mahdi-Aufstand unter Führung eines Derwisches namens Mohammed Achmed. Dieser behauptete, das Ende der Zeiten sei gekommen und er sei der erwartete Nachfolger des Propheten Mohammed, der Mahdi, der ein Reich der Gerechtigkeit aufrichten werde. Seine Truppen wurden aus den Reihen ehemaliger Sklavenhändler verstärkt, denen er Freiheit des Sklavenhandels versprach. Nachdem er sich gegen kleinere britische Militärinterventionen behauptet hatte, eroberte der Mahdi 1885 unerwartet Khartum; Gordon wurde bei der Eroberung getötet. Die Engländer, die 1882 Ägypten übernommen hatten, beschlossen, den Sudan zu räumen. Das Herrschaftsgebiet, das nach dem plötzlichen Tode des Mahdi 1885 vom Nachfolgekalifen errichtet wurde, schnitt Emin Pascha vom übrigen Sudan und Ägypten ab, er wurde aufgefordert sich zu ergeben. Emin Pascha verlegte seinen Verwaltungssitz nach Wadelai (siehe Karte 2), um eventuell von dort aus zur Ostküste zu gelangen.

 Die Briten bereiteten eine Entsatzexpedition für Emin Pascha vor, deren Leitung Henry Morton Stanley übernahm. Stanley begann seine Expedition 1887 und wählte den Weg vom Kongo her. Schon im Dezember1887 erreichte er nach großen Strapazen den Albert- See, galt aber ab Anfang 1888 selbst als verschollen. 1888 begann man in Deutschland sich für Emin Paschazu engagieren. Carl Peters wirkte an der Gründung eines"Emin- Pascha- Komitees" mit und erhielt Anfang 1889 von Bismarck die Leitung einer Expedition.

Peters brach im Juni 1889 von Daressalam mit dem Schiff auf undwählte den Weg über das Sultanat Witu nach Westen in Richtung Viktoria- See. Peters wusste nicht , dass Stanley bereits im April 1888 den gesuchten Emin

 Pascha getroffen hatte und sich seit April 1889 auf einerMarschroute westlich des Viktoria- Sees nach Süden bewegte. 

Carl Peters und Emin Pascha

 

Emin Pascha und Carl Peters (am Tisch sitzend) am 20.6.1890 in Mpuapua

                                        

Stanley und Emin Pascha erreichten am 4. 12. 1889 ihr Ziel Bagamojo an der Küste, als Peters' Expeditiongerade gut die Hälfte des Weges zum Viktoria- See zurückgelegt hatte.

Peters verfolgte weiterreichende Ziele, nämlich eine "gewaltige Erweiterung der deutschen Einflusssphäre". Auf dem von ihm gewählten Weg nördlich der seit 1886 geltenden Grenze zwischen englischer und deutscher Interessensphäre auf ursprünglich englischem Interessengebiet nahm er zahlreiche Flaggenhissungen vor und schloss Schutzverträge ab, z.B. mit dem Sultanvon Kawirondo am 1. 2. 1890 . Peters betrachtete diese Gebiete als "nobody's country" und wollte die deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiete bis an den Viktoria - See vergrößern und die verbliebenen südlichen Teile der ehemaligen Äquatorialprovinz unter Emin Paschas Herrschaftsanspruch an Deutsch- Ostafrika angliedern. Dafür mutete Peters sich und seiner Expedition große Strapazen zu und provozierte mit seinem offensiven Auftreten gegenüber Eingeborenen bewaffnete Konflikte mit Toten auf beiden Seiten, in deren Verlauf er auch Dörfer brandschatzte und Viehherden raubte. Erst am 20. 6. 1890 traf Peters auf seinem Rückweg Emin Pascha in Mpuapua. Emin Pascha war bereits wieder auf dem Weg ins Landesinnere, um die Eingeborenen- Häuptlinge westlich des Viktoria- Sees der deutschen Herrschaft zuzuführen. Der Helgoland- Sansibar - Vertrag vom 1.7. 1890 machte alle diese Pläne jedoch zunichte. Deutschland verzichtete auf das Sultanat Witu inklusive des dazu gehörigen Küstenstreifen Kenias und auf alle Ambitionen in Bezug auf Uganda und erhielt dafür das als strategisch wichtig eingestufte Helgoland. England sicherte sich Pemba, Kenia, Njassaland und das Protektorat über Sansibar. (Das Reich des Mahdi wurde erst 1898 in der blutigen Schlacht von Omdurman, am linken Nilufer gegenüber Khartum gelegen, durch Truppen der europäischen Mächte England, Italien, Frankreich und Belgien besiegt.)

 

 Literatur: Wehler, Hans Ulrich: Bismarck und der Imperialismus, Berlin 1969

Peters, Carl : Gesammelte Werke , Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München und Berlin , 3 Bände1943/44

 

 Autor: Gerhard Glombik, März 2004. Letzte Änderung am 19.10.2013