Hermann Gunkel

Ein Meilenstein in der historisch- kritischen Erforschung der Bibel

 

Hermann Gunkel gehörte der so genannten "Religionsgeschichtlichen Schule" an, einer Forschungsrichtung einer Gruppe von jungen evangelischen Theologen, die sich um 1890 vorwiegend in Göttingen habilitierten. Dazu gehörten zum Beispiel Johannes Weiß, Wilhelm Bousset, Ernst Troeltsch, William Wrede und Rudolf Otto. Unter Aufnahme von philologischen und altertumswissenschaftlichen Ansätzen traten sie für einen radikalen Historismus in der theologischen Forschung ein. Durch Vergleiche mit heidnischen Religionen aus der zeitgenössischen Umwelt der Bibel konnten babylonische, persische und hellenistische Einflüsse auf alt- und neutestamentliche Texte und nachgewiesen werden.

 

Gunkel übernahm die religionsgeschichtliche Methode und die schon praktizierte Literar- und Quellenkritik, die bereits die verschiedenen Quellenschichten und Bearbeitungen der 5 Bücher Mose (Pentateuch) erkannt hatte (Wellhausen). Er erweiterte die historisch- kritische Erforschung des Alten Testamentes aber um ein weiteres Instrument und kann als Begründer der "Form - und Gattungsgeschichtliche Methode" für das Alte Testament gelten. Er untersuchte die Form der Texte, das heißt ihre Eigenart, sprachliche Besonderheit und ihren Aufbau. Erstmals praktizierte er diese Methode in seinem Erstlingswerk "Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit (1895). Er untersuchte den altorientalischen Schöpfungsmythos "Enuma-Elisch", Genesis (1.Mose) Kap.1,1 - 2,4a und Offenbarung Kap. 12 . Er entdeckte, dass alle diese Texte eine ähnliche Form hatten, so dass man sieaufgrund der formalen Verwandtschaft einer literarischen "Textfamilie" (Gattung) zuordnen konnte. Gunkel ging von der Voraussetzung aus, dass jede literarische Gattung einen spezifischen "Sitz im Leben" hat und fragte nun nach dem "Sitz im Leben" bestimmter biblischer Texte. Gemeint ist nicht eine historische Situation, die der Text erzählt, sondern in welcher Situation und bei welcher Gelegenheit der Text verwendet wurde.

 

 Zur Veranschaulichung können hier Beispiele aus der Musik herangezogen werden. Wenn man verschiedene Arten von Musik hört, z. B. einen Marsch, ein Requiem oder einen Walzer, lässt sich die Frage nach dem "Sitz im Leben" dieser Musikstücke leicht bestimmen. Ein Marsch eignet sich vorzüglich zum Marschieren und gehört als Begleitmusik zu einer Militärparade; ein Requiem ist für eine Totenmesse geschrieben, während ein Walzer während eines festlichen Tanzabends gespielt wird. Entsprechend kann man Textformen, denen man im Alltag begegnet, spezifische Verwendungszwecke zuordnen. Einem Redetext wird man den dazu passenden Anlass etwa eine Gedenkfeier zuordnen; zu einer Gebrauchsanleitung gehört die Inbetriebnahme eines technischen Gerätes und ein geschriebener Dialog wird auf der Theaterbühne oder in einem Film dargeboten.

 

Hermann Gunkel bestimmte die Schöpfungsgeschichte 1.Mose 1,1 - 2. 4a formgeschichtlich als "Hymnus", im Unterschied zum eher ausmalenden orientalischen Erzählstil der zweiten Schöpfungsgeschichte in 1.Mose 2, 4bff. Ihm war aufgefallen, dass die sehr schematische und gegliederte Darstellung in Kapitel 1 eher an ein Lied mit Strophen und Refrain erinnerte: Gott sagt, dass etwas entstehen soll, dann geschieht es; Gott sah, dass es gut war und entsteht aus Abend und Morgen ein neuer Tag. Hymnen wurden von einer Gruppe von Menschen teils unter Begleitung durch Musikinstrumente vorgetragen oder gesungen. Es handelt sich bei der Schöpfungsgeschichte 1. Mose 1 also nicht in erster Linie um einen Bericht, wie die Erschaffung der Welt sich wirklich abgespielt haben mochte, sondern um ein in einem Gottesdienst festlich dargebotenes Loblied, in dem die anwesende Gemeinde des sich im babylonischen Exil befindenden Judentums (um 550 v.Chr.) sich ihres Glaubens vergewisserte, diesen bekannte und festigte.

 

Die Religionsgeschichtliche Schule und Gunkel sorgten für genügend Zündstoff und Impulse in der theologischen Auseinandersetzung auch unter den Neutestamentlern. Immerhin behauptete Gunkel , das Christentum sei eine synkretistische Religion, d.h. durch Vermischung mit heidnischen Anschauungen entstanden (Zum religionsgeschichtlichen Problem des NT, FRLANT 1, Göttingen 1903). In dieser These sahen viele die Gefahr einer Relativierung des Christentums, obwohl Gunkel gerade Jesus als Person als etwas Eigenständiges ansah. Gunkel beteiligte sich aber am Versuch der Aufklärung der Bevölkerung über religionsgeschichtliche Zusammenhänge ohne jede dogmatische Zwänge oder Glaubenstraditionen durch verschiedene Veröffentlichungen. Mit Buchreihen wie "Religionsgeschichtliche Volksbücher" und dem Lexikon "Die Religion in Geschichte und Gegenwart" RGG, heute ein Standardwerk für jeden Theologen, wollte man christlich- religiöse Volksaufklärung und kritisches Verstehen bei gebildeten Laien anregen. Von der Reihe "Die Schriften des Neuen Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt" , der sogenannten "Gegenwartsbibel" oder auch "Ketzerbibel" , wurden bis 1928 etwa 27.000 Stück verkauft.

 

 Autor: Gerhard Glombik, Februar 2006, letzte Änderung: 19.10.2013

 

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