Walter Zechlin

 

 Als Pressechef in der Arena der Politik

 

 

Um das Amt eines Pressechefs auszufüllen, brachte Dr. Zechlin hervorragende Voraussetzungen mit: er besaß englische, französische, spanische und arabische Sprachkenntnisse, die auch für seine zahlreichen Aufgaben im Ausland sowie später im Exil in Spanien unabdingbar waren. Er konnte außerdem frei vor einem Publikum sprechen und verstand es, in diesem stressbeladenen, aber auch spannenden Job die brenzligsten Situationen mit Geschick und diplomatischem Einfühlungsvermögen zu meistern. Er verbreitete überwiegend gute Laune, hatte entweder schlagfertige Bemerkungen oder einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er war immer der Erste, der mit seinem Eingangsreferat eine Pressekonferenz vor Journalisten oder einen Pressevortrag vor deutschen Politikern eröffnete und "wie bei einer spanischen Corrida dem herausstürzenden wütenden Stier" entgegentreten musste, wobei die Zuhörer ihn mit bohrenden Fragen attackierten.

 

Um die Situation etwas zu entspannen, pflegte Zechlin am Schluss einen Witz zu erzählen. Bei mancher Delegation, vor der er berichtete, entwickelte sich deshalb der Brauch, schon zu Beginn zu sagen: "Für Ihren Vortrag haben wir keine Zeit, ist auch nicht wichtig, aber wenn sie uns einen neuen Konferenzwitz erzählen könnten..." Über die nervenaufreibende und brisante Aufgabe eines Pressechefs, die darin besteht, sich einerseits an die Instruktionen des Regierungschefs zu halten, andererseits aber für ein gutes Erscheinungsbild der Regierung in der Öffentlichkeit zu sorgen, erzählte Zechlin folgende Anekdote: Eines Tages wurde er in einer Referentenbesprechung von einem seiner Mitarbeiter in zwangloser Atmosphäre mit den Worten unterbrochen: "Aber Herr Zechlin, was Sie sagen , ist ja alles Unsinn !" (Heiterkeit) Antwort Zechlins: " Jawohl, aber es ist der Unsinn des Herrn Reichskanzlers." (Große Heiterkeit).

 

In der Öffentlichkeit muss der Pressechef alles für die Regierung zum Besten kehren, während man ihm selbst kein Recht auf eigene Fehler gestattet. Das Wort aus Schillers Wallenstein "Ich habe hier bloß ein Amt und keine Meinung", das Zechlin scherzhaft auf seine Rolle als Pressechef bezog, war in der Realität allerdings stark untertrieben, denn er wurde von den Politikern oft um seine Meinung gefragt. Als Hindenburg 1932 zum ersten Mal über eine Kanzlerschaft Hitlers nachzudenken begann, riet ihm Zechlin dringend davon ab. Zechlins Parteizugehörigkeit zur SPD behinderte ihn bei seiner Arbeit eigentlich nicht. Sogar Hindenburg nahm ihn gegenüber den Angriffen der Deutschnationalen in Schutz, die eine Gefahr darin erblickten, dass der Reichspräsident beim täglichen Pressevortrag für eine halbe Stunde dem Einfluss eines Sozialdemokraten ausgesetzt war. Aber Zechlin konnte auch deutlich seine Meinung sagen. 1934 sparte er in einem Gespräch mit dem Führer der Deutschnationalen Alfred Hugenberg nicht mit bissiger Kritik an dessen Hilfe für den Aufstieg Hitlers. "Sie , Herr Geheimrat, haben so erfolgreich an den Säulen unserer Republik gerüttelt, dass Ihnen die Dachziegel schwer auf den Kopf gefallen sind" , redete er Hugenberg an, worauf dieser sich wortlos abwandte und entrüstet seinen Gesprächspartner stehen ließ.

 

Die eigentlichen Ursachen für das Ende der ersten deutschen Demokratie sah Zechlin in den Fehlern der Weimarer Verfassung, den schweren wirtschaftlichen Verhältnissen und der mangelnden Popularität des Weimarer Systems bei breiten Schichten der Bevölkerung. Vom Standpunkt eines mit Pressearbeit befassten Spezialisten wie Zechlin tat die Weimarer Demokratie außerdem nicht genug, um ihr gesamtes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zu verbessern. Sie verleih z.B. keine Orden und war in der Präsentation teilweise sogar asketisch. Natürlich wurde laut Zechlin die Weimarer Republik auch durch die blinde Sympathie führender Kreise für den neuen "Hoffnungsträger" Hitler zerstört. Es bewahrheitete sich der Satz, den Zechlin einst zu Hindenburg über Hitler gesagt hatte: "Den werden Sie nicht wieder los." Dass Zechlin nach den Erlebnissen des Exils nicht verbitterte, ist wohl dem Motto zu verdanken, das er 1933 in einer Rede bei einer Entlassungsfeier des deutschen Gymnasiums Humboldt- Schule in Mexiko den Abiturienten mit auf den Lebensweg gab: "Unter der Mütze ist etwas Grütze im Leben viel nütze, aber ein freundliches Herz unter der Weste ist das Beste". Dr. Zechlin war Träger des großen Bundesverdienstkreuzes.

 

 

Autor: Gerhard Glombik