Theodor Steltzer und der Kreisauer Kreis

 

 

 

Der Kreisauer Kreis, benannt nach dem Gut des Grafen von Moltke in Niederschlesien, bestand aus Männern und Frauen ganz unterschiedlicher Herkunft und politischer Richtung, die von einer christlichen Grundorientierung aus Überlegungen zu einer demokratischen Neuordnung Deutschlands nach Hitler anstellten. Steltzer gehörte zu denjenigen Mitgliedern des Kreises, die der Meinung waren, dass alle politischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts überholt waren und alle gesellschaftlichen Formen einer Neufassung bedurften. Ansätze zu dieser Überzeugung bildeten sich bei Steltzer bereits im Ersten Weltkrieg.

 

Obwohl er bis 1914 noch kein überzeugter Republikaner war, empfand er besonders während des Ersten Weltkrieges eine gewisse Distanz zur militärischen Führungsschicht, da sie in einer der Vergangenheit zugewandten Haltung erstarrt war und keine Beziehung zu den Aufgaben der Zukunft besaß. Besonders fielen ihm als Insider des Generalstabs die Illusionen und die machtpolitischen Spekulationen innerhalb der Obersten Heeresleitung auf, mit denen sich Hindenburg und Ludendorff über die wirkliche militärische Lage hinwegtäuschten. Steltzer erlebte deshalb das Kriegsende 1918 bereits mit einer größeren Distanziertheit.

 

Als Landrat ab 1920 eher mit praktischen politischen Aufgaben befasst, machte er sich dennoch Gedanken um die Reichsverfassung und schickte 1930 eine Denkschrift an Brüning, in der er sich für die Auflösung Preußens und einen starken Föderalismus aussprach. Als er 1933 von den Nationalsozialisten entlassen wurde, musste er mit gekürzter Pension leben und konnte seinen Kindern nur dadurch eine bessere Schulbildung ermöglichen, dass Dr. Bondy sie unter Ermäßigung der Kosten in das Landerziehungsheim Marienau aufnahm. (Kurz darauf bot ihm Bondy sogar die Schulleitung an, weil er selbst als Jude emigrieren musste). Im April 1933 verfasste Steltzer im Auftrage des späteren österreichischen Kanzlers Schuschnigg eine Denkschrift mit dem Thema "Grundsätzliche Gedanken über die deutsche Führung", in der er bereits vor einer großen europäischen Katastrophe warnte.

 

Er beteiligte sich während des Nationalsozialismus dennoch nicht an spektakulären Widerstandsaktionen, weil er der Meinung war, dass nur die Wehrmacht als ganzes gegen Hitler eine Chance hatte. Er wirkte eher "im Stillen", setzte sich z.B. in Oslo für verhaftete Norweger ein und knüpfte Kontakte zu Gleichgesinnten. Er hatte ab 1940 Verbindungen zu Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Pater Alfred Delp und anderen, die er gelegentlich in Berlin traf. Steltzer schätzte gerade das Gefühl der geistigen Freiheit im Gedankenaustausch zwischen den unterschiedlichen Meinungen innerhalb des Kreisauer Kreises. Über das Attentat des 20. Juli 1944 war Steltzer nur unzureichend informiert und nicht an ihm beteiligt. Im Gefühl der Aussichtslosigkeit nach seiner Verhaftung und Verurteilung zum Tode konnte ihm nur seine christliche Überzeugung etwas Trost bieten, besonders als er nach und nach von der Hinrichtung anderer Mithäftlinge erfuhr.

 

Ihre Früchte trugen die Diskussionen des Kreisauer Kreises für Steltzer auch nach 1945, als er sich zunächst selbst wieder in der praktischen politischen Verantwortung befand, dann aber auch bei seinem Engagement für die Errichtung von Brücken zwischen Menschen, die sonst nicht miteinander ins Gespräch gekommen wären. Das galt sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch international, wo sich Steltzer für die Einigung Europas und für Gespräche mit den osteuropäischen Staaten einsetzte. "Zeitgenosse sein" bedeutete für Steltzer, Mitverantwortung für die Menschengemeinschaft auf sich zu nehmen, die Existenz- und Denkmöglichkeit zu ermessen, die in der Menschengemeinschaft einer bestimmten Zeit liegen, das Bleibende und Unzerstörbare in den Menschen und soziale Fehlentwicklungen zu erkennen.

 

 

Autor:  Gerhard Glombik