Ernst Wagemann im Nationalsozialismus

 

 

Am 17.3. 1933 wurde Wagemann aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4. 1933  als Präsident des Statistischen Reichsamtes zwangsbeurlaubt und am 17.7. 1933 endgültig in den Ruhestand versetzt. Ihm wurde am 28.7. 1933 eine Stelle eines Regierungsrates  der Besoldungsgruppe A 2 c beim Reichswirtschaftsministerium zugewiesen. Die Entlassung als Präsident des Statistischen Reichsamtes ist wohl auf eine Denunziation der nationalsozialistischen Betriebszelle  des Statist. Reichsamtes zurückzuführen, die Wagemanns schwer zu bestimmende und damit unzuverlässige politische Haltung als Begründung für seine Untragbarkeit nennt. Die bereits verfügte Entlassung als Leiter des Instituts für Konjunkturforschung (IfK) wurde dagegen wieder rückgängig gemacht. Am 1. Mai 1933 trat Wagemann wohl aus opportunistischen Erwägungen in die NSDAP ein, machte sich aber 1936 mit einer negativen Konjunkturprognose nicht gerade beliebt, da diese dem ideologischen Optimismus  der nationalsozialistischen Regierung widersprach. Ab 1939 wurde das IfK kriegsbedingt  mit dem Rüstungsministerium zur zentralen Leitstelle der Rüstungsplanung und Kriegswirtschaft. Es stellt sich die Frage, wie Wagemann die  Wirtschafts- und Rüstungspolitik des Nationalsozialismus von 1933 bis zum damaligen Zeitpunkt beurteilt hat.

 

In seiner Monografie „Wo kommt das viele Geld her? Geldschöpfung und Finanzlenkung in Krieg und Frieden“ (Völkischer Verlag Düsseldorf 1940) äußert sich Wagemann zum Problem, wie es die nationalsozialistische Regierung geschafft hat, die für den 2. Weltkrieg  nötigen Finanzen zu beschaffen und ob die deutsche Wirtschaft die Belastungen durch den Krieg verkraftet. Wagemann ist der Auffassung, die deutsche Wirtschaft sei auf stabile Grundlagen gebaut und die Kriegskosten seien solide finanziert. Er nennt folgende Gründe für seine Ansicht.

 

Seit 1933 habe es ein starkes Wirtschaftswachstum und einen Konjunkturaufschwung gegeben, den kaum ein Experte für möglich gehalten habe (aaO. S. 10f). Er resümiert die wirtschaftliche Entwicklung im 1. Weltkrieg und die Inflation 1923 mit den finanzpolitischen Fehler der damaligen Regierungen, den Aufschwung 1925-1929 und die Weltwirtschaftskrise, die er hauptsächlich durch die internationale Kreditverflechtung verursacht sieht (S. 58). Er geht kurz auf den Wagemann-Plan ein, den die damalige Weimarer Regierung mit falschen Argumenten abgelehnt habe. Die politische Führung des Nationalsozialismus dagegen habe die notwendige „Kraft und Einsicht“ zum Reformwerk gefunden, das Geld- und Kreditwesen auf neue Grundlagen zu stellen (S.63). Der Nationalsozialismus sei nach der Machtergreifung mit „jugendfrischer Kraft“ an die Lösung der Probleme der Wirtschaftskrise herangegangen, vergleichbar mit einem frischen Luftzug, der in ein muffiges Krankenzimmer hereingeströmt sei (S.64). Der Nationalsozialismus habe im Gegensatz zur liberalistisch orientierten Geschäftswelt klar seine Pflichten erkannt. Der rasante Abbau der Arbeitslosigkeit von  6 Mio 1932 auf 2,5 Mio 1935 sei so beeindruckend, dass sogar Fachleute nachfragten, ob die Zahlen nicht geschönt seien (S.65). Der Staat habe wie ein strenger „weitblickender Vater“ gehandelt, die Staatsaufträge massiv ausgeweitet und die Schuldenlast übernommen (S.68). Wagemann erkennt richtigerweise, dass die Ankurbelung der Wirtschaft durch die Wiederaufrüstung und den Vierjahresplan von 1936 geschah (S. 70). (Zum Ausbruch des 2. Weltkrieges verliert Wagemann allerdings kein Wort). Er nennt das neue Notenbankgesetz vom 15.6. 1939 einen Markstein in der Finanzpolitik (S.79).

 

Obwohl man wegen der Ähnlichkeit des Wagemann-Plans mit der keynesianischen antizyklischen Finanzpolitik  vermuten könnte, Wagemann stehe Keynes’ Konzept nahe, wird man von ihm belehrt, dass er Keynes trotz einiger wertvoller Anregungen nicht dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland empfehlen könne. Keynes’ Handlungsanweisungen seien praktisch kaum nützlich, da sie auf eine liberalistisch- individualistische Wirtschaftsverfassung zugeschnitten seien (S. 83-85). Das deutsche Modell der Wirtschaftslenkung bezeichnet er als „Totalität des Handelns“ und verdeutlicht es mit seinem „Uhrengleichnis des Finanzierungssystems“ (S.86ff). Die Geldschöpfung ist für Wagemann das Triebwerk und die staatliche Lenkung von Produktion und Verbrauch der Regulator der Wirtschaft. Er lobt die nationalsozialistische Regierung dafür, dass sie Produktion auf das Wachstums des öffentlichen Sektors umstellte, und hält das Wachstum der Reichsschuld zur Kriegsfinanzierung für bescheiden (S. 118). Er rechnet insgesamt mit der Theorie des Wirtschaftsliberalismus ab und stimmt das Loblied der zentralen Steuerung der Volkswirtschaft an. Das derzeitige deutsche Finanzierungssystem sei sogar die „vollendetste Konstruktion“, die auf diesem Gebiet jemals erdacht worden sei (S.119-121). Er befürwortet die finanzielle Abschottung Deutschlands gegen die „Zügellosigkeit der vagabundierenden Kapitalbewegungen“ auf den internationalen Finanzmärkten und rechtfertigt die Autarkie Deutschlands besonders im Finanzbereich. Den Lohn- und Preisstop von 1936 begründet er u.a. mit den Worten des Führers, es dürfe im Krieg  keine „Kriegsgewinnler“ geben. Die Umstellung der Wirtschaft auf den Kriegsbedarf wird nicht hinterfragt. Die wachsende Staatsverschuldung von 10 Mrd  Reichsmark sei vom deutschen Staat „spielend“ aufzubringen (S.150), der englische Staat dagegen schaffe das nicht, weil England keine „autoritäre Staatführung“ habe (S.156). Die Führung des deutschen „Volksstaates“ habe kein anderes Ziel als der ganzen Nation- und nicht nur einer kleinen Bevölkerungsschicht-  zu dienen: „staatsmännische Verantwortung“ statt „kaufmännischer Gewinnorientierung“ (S.159). Am Ende des Buches zitiert Wagemann den Reichswirtschaftminister Funk mit den Worten: „...Wir verzichten auf einen billigen Optimismus, wohl aber besitzen wir im Vertrauen auf unseren Führer die Gewissheit, diesen Kampf sicher und siegreich durchzustehen“ (S.160).

 

Zusammenfassend kann man vermuten, dass Wagemann  von den wirtschaftlichen  Maßnahmen und den Erfolgen der NS-Regierung 1933-39 stark beeindruckt worden ist und von ihren ideologischen Begründungen ehrlich überzeugt gewesen sein muss. Das gilt in Bezug auf die autoritäre politische Führung, in Bezug auf die Wirtschaftslenkung, die antikapitalistische bzw. antiliberalistische Politik und die Volksgemeinschaftsideologie. Deutlich grenzt er sich gegen die englische Demokratie ab, die keine solchen Leistungen wie das deutsche Reich unter NS-Führung zustande gebracht habe. Dabei nimmt er offensichtlich den Krieg Hitlers zunächst  in Kauf, rechtfertigt ihn aber  nicht. Zwar findet sich nichts Antisemitisches, Rassistisches und keine Blut- und Bodenideologie, aber zusammen mit einer gehörigen Portion Opportunismus scheint Wagemann zumindest bis 1940 doch mehr als ein Mitläufer gewesen zu sein.

 

1941 hielt Wagemann in Pressburg (Bratislava) eine Rede, in der er zum ersten Mal die nationalsozialistische Politik ablehnte, so dass der deutsche Gesandte dem Auswärtigen Amt darüber berichtete. Im Sommer 1943 machte er auf einer Tagung einer Zweigstelle des IfK in Braunschweig nach einer Rede Bemerkungen über die Unvermeidlichkeit eines Rückzugs Deutschlands aus Russland. Diese Äußerung führte zu einem staatspolitischen Verfahren gegen Wagemann, in dem er zu vier Wochen Einzelhaft verurteilt wurde. Eine weitergehende Forderung Himmlers für eine halbjährige KZ-Haft kam nicht zur Durchführung, möglicherweise durch Einwirkung einflussreicher Freunde Wagemanns. Bis zum Ende des Krieges 1945 sind keine weiteren oppositionellen Äußerungen Wagemanns bekannt.

 

Wagemann stellte 1952 wegen entgangener Pensionsansprüche (durch die Entlassung als Präsident des Statistischen Reichsamtes 1933 ) einen Wiedergutmachungsantrag als „Verfolgter des NS-Regimes“, der 1954  im zweiten Anlauf nach einer Klage Wagemanns gegen die vorherige Ablehnung positiv entschieden wurde. Wagemann wird dabei auch zugute gehalten, dass er Personen in seinem Institut beschäftigte, die dem Nationalsozialismus aus politischen oder „rassischen“ Gründen eigentlich nicht genehm sein konnten, z.B. den jüdischen Professor Eulenberg, der dann  tatsächlich von der Gestapo abgeholt wurde und wenig später an den Folgen der Haft starb. Außerdem bezeugten Freunde Wagemanns, dass er Kontakte zu Personen gehabt habe, die zum Verschwörerkreis des 20. Juli 1944 gehörten und ihnen wirtschaftspolitisches Material überlassen habe. Dass Wagemann in seinem Antrag angab, schon ab 1933 den Nationalsozialismus von vornherein auf das schärfste abgelehnt zu haben und nur nominell Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, ist allerdings aus heutiger Sicht nur schwer nachzuvollziehen.

 

Literatur:

Pickhardt, Thomas:  Bevölkerungsdichte und sozialer Wandel, Ernst Wagemanns demodynamisches Alternationsgesetz- Entstehung, Rezeption, Gültigkeit, Tectum Verlag,  Reihe Sozialwissenschaften Bd. 35   Marburg 2010

 

Wagemann, Ernst: „Wo kommt das viele Geld her? Geldschöpfung und Finanzlenkung in Krieg und Frieden“,  Völkischer Verlag Düsseldorf 1940

 

 

 Autor: Gerhard Glombik , 28.10.2013