Bruno Snells weltoffene Persönlichkeit

Snell als Rektor der Universität Hamburg

     Snell als Rektor der Universiät Hamburg            Foto: Universität Hamburg

Die "Wanderjahre", die er als Studienreferendar in Wandsbek 1923-24, als Lektor für Deutsch in Pisa 1924-25 und als Assistent am Archäologischen Institut in Rom 1925 verbrachte, machten aus Snell einen überzeugten Europäer. Er beherrschte außer Englisch auch das Niederländische und das Italienische. Snells Bemühung um die Unabhängigkeit des Denkens zeigte sich in seiner Art das Griechentum zu erforschen, um noch in der Gegenwart von den Griechen zu lernen. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, versuchte Snell als junger Professor, seine Kollegen bei einer Einladung in seiner Wohnung zu einer Stellungnahme gegen den nationalsozialistischen Machteinfluss an der Universität zu gewinnen - leider vergeblich. Er ging zum neuen von den Nationalsozialisten eingesetzten Rektor der Universität und wies ihn darauf hin, dass dessen Vorhaben sich nicht für die Universität eigneten. Es gelang Snell aber, das philologische Seminar von nationalsozialistischem Einfluss frei zu halten. Man konnte sich in den Seminaren kritisch und offen äußern. Als 1941 der junge Student der Germanistik Walter Jens zu Bruno Snell in die Sprechstunde kam und fragte, ob es noch Sinn habe, Griechisch zu studieren, bejahte Snell und fügte hinzu: "... unter der Voraussetzung, dass wir den Krieg verlieren." Auf die Verwunderung des Studenten angesichts solcher Offenheit des Professors gegenüber einem Wildfremdem erwiderte Snell: "Sie haben ‚guten Tag' gesagt" (und nicht ‚Heil Hitler'). Snell half verfolgten Kollegen wie Paul Maas und Kurt Latte, der in Hamburg versteckt lebte.

 

Als 1934 die Volksabstimmung über die Vereinigung des Amtes des Reichskanzlers mit dem des Reichspräsidenten in der Person Hitlers erfolgte und überall die Propagandaplakate mit dem großen "JA" hingen, schrieb Snell seinen kleinen Aufsatz "Das I-ah des goldenen Esels" mit der Interpretation einiger Stellen in den Metamorphosen des Apuleius - nur, um ihn mit der berühmten ironischen Bemerkung zu schließen: Das einzige Wort, das ein griechischer Esel habe sprechen können, sei das griechische Wort "ou" (nein) gewesen, während kurioserweise die deutschen Esel immer nur "ja" sagen könnten. Dieser Satz hatte für Snell glücklicherweise keine negativen Folgen. Obwohl er es manchmal mit List schaffte, die lokalen Nazigrößen an der Universität gegeneinander auszuspielen, war Snell aber weit davon entfernt, sich zu einem heldenhaften Widerstandskämpfer hochzustilisieren, wie ihm überhaupt jede Form von Pathos zuwider war. Er gestand in einem 20 Jahre späteren Gespräch über seine Rolle im Dritten Reich: "Mir wäre heute wohler, wenn ich damals, wie alle die anderen, ausgewandert wäre."

 

Snell bemühte sich nach 1945 darum, die internationalen Kontakte der Universität Hamburg wiederherzustellen und auszuweiten. Er reiste zu Gastsemestern ins Ausland und veranstaltete 1953 einen internationalen Kongress "Wissenschaft und Freiheit" in Hamburg. Er gründete die "Stiftung Europa- Kolleg", die der Begegnung und

wissenschaftlichen Zusammenarbeit junger Menschen gewidmet sein sollte. Er beteiligte sich an Bestrebungen zu einer Hochschulreform; 1953 beschloss der Akademische Senat der Universität unter dem Rektorat Snells, den Studenten 2 Sitze bei der Beratung studentischer Angelegenheiten zu gewähren. 1962 unterzeichnete er mit 14 anderen Professoren einen Brief an den Deutschen Bundestag, in dem die Strafbarkeit der Mensur bei Studentenverbindungen gefordert wurde.

 

Snells Perönlichkeit hatte etwas Freundliches und Gewinnbringendes an sich; er war ein geselliger und amüsanter Unterhalter. Seinen Studenten trat er eher locker gegenüber: Er saß manchmal auf der Kante eines Tisches, ließ die Beine herunter baumeln und kramte seine Notizen aus der Jackentasche. Er gab Anregungen und streute Ideen aus; nie aber gab er feste Linien vor. So öffnete er seinen Studenten eigene Wege des Forschens.

 

Autor: Gerhard Glombik, letzte Änderung 2.11. 2013