Wittfogels politischer Werdegang

Wittfogel als junger Mann

 

Die persönliche politische Entwicklung Wittfogels ist insofern außergewöhnlich, als sich in seiner Lebensgeschichte Erfahrungen niedergeschlagen haben, die seine daraus resultierende Gesinnung über voreilige Einordnungen in bestimmte ideologische Schubladen erhaben machen. Der Preis, den Wittfogel für diese Lernerfahrungen bezahlen musste, war hoch, die Erlebnisse selbst schmerzlich. Wittfogel wurde schon in seiner Jugend marxistisch beeinflusst und verabschiedete sich 1914 mit einer marxistisch getönten Abiturrede vom Johanneum,was den in der Aula versammelten Honoratioren damals gar nicht gefiel. Er wurde außerdem zum glühend überzeugten Kriegsgegner des 1. Weltkrieges, den er als Soldat miterlebte.

 

1918 trat er in die USPD ein , 1920 in die KPD. In dieser ersten politisch bewusst wahrgenommenen Zeit schrieb er unter anderem fünf revolutionäre Dramen und nannte den Kommunismus die "neue Religion für ein besseres Diesseits". Er wurde Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Sein zweites Buch "Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft" (1924) war noch geprägt von Marx-, Bucharin- und Leninzitaten. Marx wird darin als "größter Geschichtsschreiber der bürgerlichenGesellschaft", und Lenin als sein "kongenialer Nachfahre" bezeichnet. Der damals herrschenden bürgerlich- akademischen Elite, z.B. Max Weber, bescheinigte Wittfogel "Ratlosigkeit, Zerrissenheit ihrer Methode" und wähnte sich selbst sicher im festen Glauben an die Diktatur des Proletariats.

 

Als durch seine wissenschaftliche Arbeit ab 1926 die Konturen seiner eigenen Theorie der "orientalischen Despotie" deutlicher wurden, zeigten sich erste Differenzen zu der mittlerweile vorherrschenden stalinistischen Version des Marxismus. 1931 fanden auf der Leningrader Konferenz Diskussionen über das Thema der asiatischen Produktionsweise statt, als bereits 5 Millionen russischer Bauern im Zuge der Zwangskollektivierung umgekommen waren. Nun musste Wittfogel erleben, wie ihm die eigenen Genossen mit ideologischer Härte in den Rücken fielen. Seine Theorie der asiatischen Despotie wurde von Stalin verboten, danach totgeschwiegen; 17 seiner 22 Mitstreiter wurden Opfer stalinistischer Säuberungen. Er selbst wurde als "Renegat" verschrien. (Sogar Rudi Dutschke nennt ihn 1974 noch so in seinem Buch "Versuch, Lenin auf die Füße zustellen" ). Trotz dieser Erfahrungen schied Wittfogel 1934 zunächst nur als zahlendes Mitglied, aber erst 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt endgültig aus der KPD aus und glaubte noch bis 1948, die UdSSR sei nur ein entarteter Sozialismus, derdurch eine weitere sozialistische Revolution verändert werden müsse.

 

1933 erlebte Wittfogel den Terror der anderen ideologischen Gegenseite, nämlich der nationalsozialistischen Diktatur, als Häftling im Konzentrationslager Papenburg am eigenen Leibe. Er war es, der das bekannte Lied "Wir sind die Moorsoldaten" bei seiner Entlassung aus mehrmonatiger Haft nach draußen schmuggelte, und er hielt seine Eindrücke aus der Lagerhaft in dem Roman "Staatliches Konzentrationslager VII" fest. In seinem Vorwort zur 2. Auflage seiner "Orientalischen Despotie" (1961) erinnert sich Wittfogel daran, dass ihn seine Häftlingskameraden bei seiner Entlassung baten, "falls ich die Freiheit wiedersehen sollte, allen Menschen guten Willens die Unmenschlichkeit der totalitären Herrschaft in jeder Form und Maske zu erklären." Nach seiner Emigration aus Deutschland wurde der Hitler-Stalin-Pakt 1939, als beide Diktatoren auch nochgemeinsame Sache machten, zur entscheidenden Wende in seinem Leben.

 

Ihm wurde immer stärker bewusst, dass die "außerordentliche Sünde von Marx gegen die Wissenschaftlichkeit" bei der Behandlung der asiatischen Produktionsweise etwas mit dessen Theorie der Diktatur des Proletariats zu tun haben könnte und welche Folgen diese Theorie gehabt hatte. So wurde Wittfogel nach 1945 zum erklärten Antikommunisten und Verteidiger der westlichen Freiheit. Er befürwortete eine "offene Gesellschaft" , erwähnte allerdings den Philosophen Karl Raimund Popper nirgendwo in der 32-seitigen Bibliographie seiner "Orientalischen Despotie". Man brauche den westlichen Kapitalismus um der Freiheit willen, und ein "bißchen Ausbeutung" sei der Preis, den man für die Freiheit bezahlen müsse. Deswegen wurde Wittfogel noch lange kein Liberaler; er bezeichnete sich als Sozialdemokrat. Im Kalten Krieg fürchtete er aber den sowjetischen Imperialismus so sehr, dass er sogar den Westen kritisierte: Es fehle angesichts der sowjetischen Bedrohung an

 Klarheit und Kühnheit. Man sei innerlich schlecht für den Kampf gegen den kommunistischenTotalitarismus vorbereitet - trotz militärischer Rüstung und wagemutiger Wirtschaftspolitik.Für ihn hieß die Alternative "Sklaverei oder Freiheit" , und so ist es vielleicht erklärlich, dasser sich 1951 zu einer Aussage vor dem Mc. Carthy-Ausschuss hinreißen ließ, was ihm später allerdings auch etwas peinlich war.

 

 Wittfogel bezeichnete sich als "ordentlichen materialistischen, der Objektivität verpflichteten Wissenschaftler", der sich als Kämpfer für "unbequeme wissenschaftliche Wahrheiten und grundlegende menschliche Werte gegen ideologische Verblendung..." einsetzte. Er kehrte also zum Humanismus seiner gymnasialen Zeit zurück. Er bedankte sich 1961 im Vorwort zur deutschen Ausgabe der "Orientalischen Despotie" ausdrücklich für seine humanistische Erziehung und schrieb in einem Brief an das Johanneum 1975: "Ich verdanke dem Gymnasium Johanneum viel". Im Jahre 1979 wurde er von seiner alten Schule eingeladen und hielt einen Vortrag im Johanneum mit dem Thema "Hitler, Stalin und die Bedrohung unserer Freiheit". Eine neue Religion hatte er also nicht gegründet, wie der Direktor des Gymnasiums in seiner Schulzeit vermutete, aber er begann die Religion wieder zu würdigen. In einem Interview 1981 kritisierte Wittfogel den "blindwütigen Atheismus" von Marx. Religion entfalte wichtige Qualitäten im Menschen. In seiner Wohnung in New York hing etwas verschämt in einer Ecke eine naive Darstellung "Jesus empfängt die Kinder", und er fragte den Besucher Mathias Greffrath über den 1979 verstorbenen Rudi Dutschke: "War er nicht Christ bis zum Schluss?".

 

Wittfogels Hauptwerk endet mit einem Zitat des griechischen Geschichtsschreibers Herodot, das die Aussagen zweier griechischer Bürger, Sperthias und Bulis, wiedergibt. Diese waren von dem hohen persischen Beamten Hydarnes gefragt worden, ob sie dem persischen Großkönig dienen würden, wenn sie selbst dafür mit großem politischen Einfluß belohnt würden. Ihre Antwort lautete: "Hydarnes, einseitig ist der Rat, den du uns gibst. ... Von Grund auf verstehst du Sklave zu sein, aber die Freiheit hast du nicht gekostet, ob sie süß ist oder nicht. Oh, wenn du sie gekostet hättest, würdest du uns raten, für sie zu kämpfen..."

 

Autor: Gerhard Glombik, letzte Änderung 3.11.2013