Karl August Wittfogel

als Schüler des Johanneums

Wittfogel als Schüler 1908

Zitate aus : "Die Zerstörung einer Zukunft, Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Aufgezeichnet von Mathias Greffrath, Reinbek bei Hamburg 1979.

 

"....wir jungen Leute wollten eine freie Lebensart. Wir wollten uns kleiden, wie wir wollten. Wir wollten wandern, wir wollten unsere Pläne machen, wie wir wollten, und wir hatten eine Selbstverwaltung, das heißt, wir hatten unsere kleinen Angelegenheiten in unseren Händen. Ich möchte sagen, dass der Wandervogel, wie ich ihn damals zuerst als Altwandervogel in Lüneburg kennenlernte, eine der späten, nach meinem Dafürhalten nicht unbedeutenden Formen eines romantischen Freiheitsgefühls war. Das Wort Liberalismus ist eigentlich zu eng, aber im Zweifelsfalle ist es besser als andere Worte, und in diesem Sinne habe ich es damals aufgenommen. ..."

 

Sie haben dann 1914 Abitur [am Johanneum] gemacht, dem Jahr als der Krieg ausbrach...

 

"Dies ist eine Phase, die den Kern meiner Entwicklung betrifft . Seit Obersekunda fand ein Einbruch in mein Denken statt, der kam aus einer Gegend, die sich ganz gegen meine Tradition richtete. Diesen Einbruch förderte das sozialistische Buch der Lily Braun. Aber da waren vor allem die Skandinavier, Ibsen, Bjoernson und später Strindberg, und da waren die Russen, und da war Nietzsche. Mit ihm begann alles zu zerbröckeln.

 

Von Obersekunda, Unterprima (Klasse 11 und 12) an war ich schon in einer Entwicklung begriffen, die das «Establishment» nicht wollte. Ich war also bereit, meinen eigenen Weg zu gehen. Obgleich ich der einzige war in der Oberprima, der sich nicht freiwillig [zum Kriegsdienst] meldete, kamen die anderen alle zu mir und sagten: «Du verstehst, warum wir uns alle melden, aber wir verstehen auch, dass du dich nicht freiwillig meldest, denn wir wissen, dass du ja eigentlich diesen ganzen militärischen Zusammenhang ablehnst.» Ich denke immer noch mit Rührung daran und ohne es eigentlich zu verstehen, warum meine Schulkameraden so gut zu mir waren und mich nicht wie die Außenseiter verurteilten.

Wittfogel in seiner Klasse 1908

 

Ein Beispiel: Der Direktor unseres Gymnasiums [des Johanneums] winkte mich einmal heran, als wir aus der großen Pause zum Unterricht zurückgingen, das war in der Unterprima. Er sagte: «Wittfogel, ich habe gehört, Sie wollen eine neue Religion gründen!» Ich zuckte mit den Achseln. «Ich verbiete Ihnen das!» Also da sehen Sie den Zusammenstoß zwischen zwei Welten. Als ich zu ihm ging, als ich aus dem Gymnasium ausschied, da zeigte sich, dass er sah, dass ich anders dachte und dass ich mich anders entwickelt hatte. Er sprach zu mir mit einer grimmigen Anerkennung, dass in mir etwas war, was bei den anderen nicht war.

 

Einmal, in der Oberprima, wandte er sich an einen sehr gebildeten Mitschüler und sagte: «Haben Sie Zarathustra gelesen?» Er sagte: «ja.» - «Haben Sie ihn verstanden?» Der Gefragte antwortete - ich dachte, er war feige - «Nein.» Dann wandte er sich zu mir und fragte: «Wittfogel, haben Sie Zarathustra gelesen?» Ich sagte: «ja.» - «Haben Sie ihn verstanden?» Ich hatte ihn natürlich auch nicht ganz verstanden, aber ich antwortete: «ja.» Das war der Unterschied.

 

 

Weiterer Lebenslauf

 

nach Brockhaus 1991

 

Früh in der Jugendbewegung engagiert, wandte sich Wittfogel bereits während des Studiums in den 1920er Jahren der sozialistischen, darin kommunistischen Arbeiterbewegung zu und griff außer mit theoretischen Schriften auch mit politischen Theaterstücken in die kulturellen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik ein. Ab 1925 war er Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und promovierte 1930 mit einer sinologischen (chinakundlichen) Arbeit.

 

1933 war Wittfogel im Konzentrationslager, 1934 emigrierte er in die USA und nahm verschiedene Lehraufträge wahr, mehrere Reisen nach Asien (1936-39 China), 1939 brach er mit der KPD. Von 1947-66 war er Professor für chinesische Geschichte an der University of Washington in Seattle.

 

In der Zeit des kalten Krieges war W. überzeugter Antikommunist, was ihn zeitweise in Verbindung mit den Denunziationen der McCarthy-Ära brachte. Mit seinen Arbeiten über die asiatischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse (hydraulische Gesellschaften), die einerseits die analytischen Ansätze von KARL MARX und M. WEBER weiterzuführen suchten und andererseits eine Grundlage zur Erklärung und Kritik der politischen Geschichte in der Sowjetunion (Stalinismus) und in China darstellen wollten (>Oriental despotism<, 1957; dt. >Die orientalische Despotie<), fand Wittfogel Beachtung und Widerspruch.

 

Weitere Werke: Gesch. der bürgerlichen. Gesellschaft (1924); Wirtschaft u. Gesellschaft Chinas (1931). G. L. ULMEN: The science of society. Toward an understanding of the life and work of K. A. Wittfogel (Den Haag 1978 :K. H. MENGES: K. A. Wittfogel (1896-1988), in: (Central Asiatic journal, Bd, 33 (Wiesbaden 1989).

 

Autor: Alfred Blohm, Web: Gerhard Glombik, zuletzt geändert 3.11.2013