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August Karl Wittfogel:

 Die orientalische Despotie

 

In seinen ersten Studien über China 1922- 24 hatte Wittfogel, wie er später zugab, noch nicht bemerkt, dass seine Erkenntnisse über die asiatischen Gesellschaften zu anderen Schlussfolgerungen führten als bei Marx, den er damals als seinen sozialwissenschaftlichen Lehrer ansah. In seinem zweiten Buch "Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft" (1924), das noch ganz dem orthodoxen Marxismus verpflichtet war, finden sich nur Andeutungen auf das, was Wittfogel später die "orientalische Despotie" nannte. Mit der von Marx entlehnten (aber von ihm selbst nicht durchgehaltenen) Forderung, dass ein Forscher die objektive Wahrheit keinem außerhalb der Wissenschaft liegenden Interesse unterordnen dürfe, nicht einmal dem der Arbeiter, entwickelte Wittfogel ab 1926 seine eigene Theorie.

 

Schon die bürgerlichen Nationalökonomen Richard Jones, John Stuart Mill und Adam Smith hatten die Besonderheiten der asiatischen Gesellschaften entdeckt und beschrieben. Marx hatte seine Kenntnisse über die "asiatische Produktionsweise" von ihnen. Unter "orientalischer Despotie" versteht Wittfogel eine Wirtschaftsweise, die sich als menschliche Antwort auf  besonders große Herausforderungen der Natur, der sich verändernden Naturkräfte und der natürlichen geographischen Gegebenheiten gebildet hatte. Wo größere Wasseransammlungen in einer ansonsten trockenen, aber latent fruchtbaren Landschaft vorhanden waren und auf die trockenen Böden geleitet werden konnten, entstanden "hydraulische Gesellschaften". Der Bau von Kanälen zur Bewässerung sowie Deichen und Schutzbauten gegen periodisch auftretende Überflutungen an großen Strömen (z.B. in den Hochkulturen des Zweistromlandes/Babylons, der Induskultur, am Hwangho und Jangtse in China) erforderte den massenhaften Einsatz von bäuerlichen Arbeitskräften. Diese Arbeitsleistungen erfolgten durch Fronarbeit, waren aber wegen der Zersplitterung der vielen Dorfgemeinden erst durch die zentrale Planungsmacht einer Funktionärselite möglich, die gleichzeitig zur politisch herrschenden Kaste aufstieg und über eine zur Mathematik, Geometrie, Astronomie und Verwaltung fähigen Bürokratie verfügte.

 

 Der wirtschaftliche Erfolg dieser kooperativen Gesellschaften wurde aber erkauft durch die Preisgabe vieler Freiheitsrechte an die zentrale Staatsbürokratie, eben die "orientalische Despotie". Schon Montesquieu betonte

die negativen Auswirkungen der orientalischen Herrschaftsform auf die Würde des Individuums. Wittfogel weitete diesen Begriff auch auf andere agrarische Gesellschaften aus, die zwar nicht durch hydraulische Projekte,  aber durch eine starke Staatsbürokratie bestimmt waren, die oft auch der größte Landeigentümer war (z.B. das zaristische Rußland, das vorspanische Mittelamerika). Die Städte in allen diesen Gesellschaften waren durch eine starke Abhängigkeit von der Beamtenelite geprägt , und die Kaufleute und Handwerker konnten sich nicht wie in Westeuropa zu einer politisch selbstständigen Macht etablieren. Da die orientalische Despotie die totale Macht beanspruchte, fehlten in solchen Gesellschaften politische Gegengewichte, die für mehr bürgerliche Freiheiten hätten sorgen können.

 

 Karl Marx stieß ab 1853 auf diese Phänomene, die er "asiatische Produktionsweise" nannte und besonders an

Indien untersuchte. In Russland, wo nicht Bewässerungsprojekte die Wirtschaftsweise prägten, aber die

russische Umverteilungsgemeinde noch bis ins 19. Jahrhundert trotz Bauernbefreiung 1861 unter dem Druck

zentraler staatlicher Steuerforderungen mit Restformen von Gemeinschaftseigentum und schwach ausgeprägtem Privateigentum erhalten blieb, nannte Marx diese Gesellschaftsform "semi-asiatisch". Nach Marx erstickte die asiatische Despotie die historische Energie der Landbevölkerung. Deshalb habe nur eine echte Revolution je in Asien stattgefunden, nämlich die Veränderungen der rückständigen Strukturen durch die englischen Kolonialherren in Indien.

 

Nach Wittfogel hatte Marx zwar die asiatische Produktionsweise erkannt, diese Entdeckung aber stiefmütterlich

behandelt, da sein Interesse sich eher von der Sache der Arbeiterschaft in den westlichen Industriestaaten leiten ließ. Marx habe die Gefahren einer zentralistischen Staatswirtschaft gesehen, aber mit der ungenügenden

Bekanntgabe dieser selbstkritischen Revision eine "außerordentliche wissenschaftliche Sünde" begangen. Seit

1853 sah für Marx auch die Weltgeschichte unter historisch - materialistischem Standpunkt vielfältiger aus, als er sie noch im "Kommunistischen Manifest" (1848) beschrieben hatte. Wäre die Vielzahl von Gesellschaftsformen von Marx besser gewürdigt worden, so hätte die stufenweise geradlinige historische Entwicklung von der Urgesellschaft bis zum Sozialismus zumindest durch weitere Entwicklungsmöglichkeiten anderer Gesellschaften relativiert werden müssen. Dem Individuum wären dann eine tiefere moralische und politische Verantwortung zugemessen worden. Gab es außerdem auch Gefahren durch die Abschaffung des Privateigentums wie in der orientalischen Despotie, dann hätte es auch Rückschritte in der geschichtlichen Entwicklung (nach dem Kapitalismus) geben können.

 

 Lenin habe die nun schon durch Marx "verstümmelte" Konzeption der asiatischen Produktionsweise bereits in

"zynischer Verleugnung" des Marx'schen Theorems weiter verdunkelt, weil er gegen die Menschewiken in Russland kämpfte. Diese Gruppe der russischen Sozialisten unter Plechanov befürchtete, dass bei der revolutionären Strategie der Bolschewiken unter Lenin eine kleine Partei aus Berufsrevolutionären die Rolle der asiatischen Despotie übernehmen könnte. Die Oktoberrevolution 1917 hat nach Wittfogel tatsächlich nicht etwasozialistischen Charakter gehabt, sondern sei eine Herrschaft der Apparatschiks gewesen, die nie eine

Beteiligung der Bevölkerung zuließ und zur totalitären Terrorherrschaft Stalins überleitete.

 

Wittfogel schrieb nach eigenen Angaben sein "beunruhigendes Buch", weil der soziale Totalitarismus der UdSSR weit über die alte orientalische Despotie hinausgegangen und ein bedrohlicher imperialistischer Staat entstanden sei, der außerdem wegen seiner angeblich sozialen Sache weltweite Anziehungskraft ausübte. Seit 1949 beherrschten nach Wittfogel die totalitären Machtgebilde Russland und China bereits ein Drittel der Menschheit, sodass für Wittfogel der wichtigste politische Wert weltweit in Gefahr war: die Freiheit. "Nur der verdient das Recht, frei zu sein, der fest im großen Erbe der Vergangenheit wurzelt, der wachsam den Drohungen einer konfliktzerissenen Gegenwart begegnet, und der entschlossen alle Möglichkeiten einer offenen Zukunft meistert" (Die orientalische Despotie , 1957).

 

 Die Wirkungsgeschichte der Theorie der "orientalischen Despotie" reicht unter anderem bis zu Rudi Dutschkes

Buch "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen" (1974) und bis zu Rudolf  Bahros Buch "Die Alternative" (1978). In den als Unterrichtsmaterial für Schüler von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreiteten "Informationen für politische Bildung" wird Wittfogel im Heft "Entwicklungsländer" (1988) als Vertreter einer Erklärung für Unterentwicklung zitiert, nach der die ungünstigen natürlichen geographischen Verhältnisse und ihr Einfluss auf das gesellschaftliche System als Ursachen für die fehlende Entwicklung einer modernen industriellen Wirtschaftsweise angesehen werden.

 

 In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung sind gegen Wittfogels "Orientalische Despotie" gewichtige Argumente ins Feld geführt worden. In vielen Ländern gebe es zwar hydraulische Systeme, aber keine Despotie,z.B. in den Niederlanden oder in Sri Lanka. Wo hingegen Wasserwirtschaft und Bürokratie vorhanden waren, sei nicht zu beweisen, dass Wasserbau die Staatsbürokratie hervorbrachte. Gerade in China sei die kaiserliche Herrschaft mit ihren Beamten nicht unbedingt aus der hydraulischen Wirtschaftsweise hervorgegangen. Dennoch besitze Wittfogels Theorie nach wie vor als heuristischer Impetus einen gewissen Wert. (Joachim Radkau, Natur und Macht - Eine Weltgeschichte der Umwelt, Beck-Verlag München 2000).

 

 Besonders in den letzten 20 Jahren wurde die westliche Welt durch das rasante Wirtschaftwachstum asiatischer

Staaten überrascht, die vorher noch als Entwicklungsländer galten. Andere Regionen der Welt, in denen keine

hydraulischen Gesellschaften oder zentralistischen Staatsbürokratien entstanden waren, wie z.B. Afrika, machen dagegen in Bezug auf ihre wirtschaftliche Unterentwicklung große Sorgen. Asien gilt - trotz mancher Krisen - als Markt der Zukunft, was besonders für die Großmacht China zutrifft. Dass sich dabei das zentralistisch regierte politische System Chinas demokratischen Freiheiten öffnet, bleibt allerdings nach wie vor zu hoffen.

 

 

Autor: Gerhard Glombik