Einige Grundgedanken der Philosophie Sohn-Rethels

 

Schon als fast Siebzehnjähriger ließ sich Sohn-Rethel zu Weihnachten 1915 „Das Kapital“ von Karl Marx in drei Bänden ausgerechnet vom Industriellen Erich Poensgen schenken. Er las tatsächlich alle drei Bände, lernte Marx schätzen und ließ sich zu eigenen weitergehenden Fragestellungen anregen. Nach Sohn-Rethel habe Marx mit seiner antiideologischen Kritik den Täuschungszusammenhang bloßgestellt, der die gesamte kapitalistische Warenwelt entscheidend prägte. Aber Marx sei nicht weit genug gegangen, denn in einer materialistischen Erkenntnistheorie müsse eine Ableitung der Denkformen aus der Warenform geleistet werden. Während der Idealismus die menschliche Fähigkeit zur Abstraktion als eine rein intellektuelle Leistung verstehe, gebe es vom Standpunkt des Materialismus keinen reinen, von der Realität der gesellschaftlichen Verhältnisse abgekoppelten Geist. Gemäß den Feuerbachthesen von Marx müssten das Denken, die Begriffe, die geistigen Anschauungen und philosophischen Systeme auf die sinnlichen menschlichen Tätigkeiten zurückgeführt werden.

 

Es gebe so etwas wie eine tief verborgene unbewusste Denkstruktur, der man auf die Schliche kommen müsse. Die philosophischen Widersprüche des Idealismus , einschließlich der von Kant behaupteten Fähigkeit der menschlichen Vernunft zum apriorischen Denken und der Unerkennbarkeit „des Dinges an sich“ hätten ihre Wurzeln in den Gegensätzen der Klassengesellschaft, insbesondere in der Unterscheidung von Hand- und Kopfarbeit.

 

Während in der ursprünglichen „ersten Natur“ des Menschen Produkte durch eigene Arbeit an der Natur gewonnen würden, erfolge in der warentauschenden Gesellschaft eine Loslösung, das heißt Abstraktion, von der sinnlichen Qualität eines Produktes durch einen „mathematischen Sprung“ in die Quantität. Diese Abstraktion geschehe quasi hinter dem Rücken des Tauschenden, denn im Wert der Ware sei nun das transzendentale Subjekt des Tauschenden verborgen. Die warentauschende Gesellschaft gehöre zur „entfremdeten Gesellschaft“, die sich von der primären Natur, das heißt der direkten Arbeit und Selbstverwertung der Produkte, in die „zweite Natur“ des Menschen entwickelt habe. Die Warentauschgesellschaft sei von der Arbeit an der Natur abgespalten, und durch die Trennung von Hand- und Kopfarbeit sei eine weitere Stufe der Entfremdung erreicht.

 

Im Unterschied zu allen Dingen, die dadurch ihr Geheimnis verlieren, dass wir sie nachmachen können, schaffte nach Sohn-Rethel das Geld sein eigenes Mysterium: es sei zur führenden Macht und Realität hinter dem Rücken der Beteiligten geworden. Diese Entwicklungen hätten schon im Alten Griechenland stattgefunden und die antike Philosophie ermöglicht. Im Mittelalter spiegelte sich nach Sohn-Rethel die durch neu gebildetes Handelskapital forcierte wirtschaftliche Entwicklung im scholastischen Universalienstreit. Eine bestimmte Form des abstrahierenden Denkens habe in einem bestimmten Stadium des Kapitalismus letztlich zur Entstehung des Nationalsozialismus geführt und damit die fürchterliche Katastrophe von Auschwitz ermöglicht.

 

Sohn-Rethel versteht die Denkmethode der materialistischen Erkenntnistheorie als ausschließlich kritische, die selbst keine Theorie der Wahrheit vorlege. Die echte marxistische Methode nach Sohn-Rethel denke sich in die „bürgerliche Ideologie“ hinein und etikettiere sie nicht sofort als etwas Böses. Insofern enthält sein Ansatz eine gewisse Distanz gegenüber dogmatischem marxistischen Denken. Ziel der kritischen marxistischen Erkenntnistheorie sei die Seinsanalyse und die Seinsveränderung. Sohn-Rethel sah es deshalb als biographischen Vorzug an, dass er als Pflegekind eines Industriellen stets direkten Zugang zur Wirklichkeit der Technik und der industriellen Produktion hatte. Das marxistische Denken müsse die ganze Geschichte der Zivilisation aufarbeiten, um diese Erbschaft aufzuschließen; die Werte der bürgerlichen Zivilisation und der bürgerlichen Ästhetik, die auch schon eine gewisse Abstraktion vom Klassenzusammenhang enthalte, müssten in sozialistischer Weise „bewahrt“ werden.

 

Bei aller Anerkennung des Bemühens Sohn-Rethels um eine Überwindung des marxistischen Dogmatismus könnte man die Frage stellen, ob dieser Anspruch wirklich erfüllt wird, wenn doch das traditionelle marxistische Schema der Gesellschaftsformationen (antike Sklavenhaltergesellschaft, mittelalterliche Feudalgesellschaft bis hin zum Monopolkapitalismus) übernommen wird. Ist alles abstrakte Denken wirklich eine Spiegelung der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse ? Es gibt verschiedene Formen des „bürgerlichen Idealismus“; und zwischen dem an den sinnlichen Erfahrungen orientierten Empirismus und Skeptizismus englischer Spielart und Kants „Kritik der reinen Vernunft“ bestehen große Unterschiede. Zu fragen wäre ferner, ob nicht der Reichtum und die Vielfalt der in warentauschenden Gesellschaften entstandenen Mythologien, Religionen, philosophischen Systeme und Wissenschaften, sowie die geistige Verarbeitung geschichtlicher Ereignisse einen auf die gesellschaftlichen Strukturen begrenzten Erklärungsansatz überschreitet.

 

Autor: Gerhard Glombik, letzte Änderung 10.11.2013

 

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