Jean Leppien- ein bewegtes Leben

Jean Leppien wird am 8. 4. 1910 als Kurt Gottfried Johannes Leppien als 4. Sohn einer alteingesessenen Lüneburger Familie geboren. Sein Vater Jean Gottfried Leppien ist Besitzer eines Unternehmens, das Rosshaarspinnerei und Haartuchfabrikation betreibt und in der Johannisstraße , also in der Nähe des damaligen Johanneums liegt. Die Firma existiert heute nicht mehr. In seiner Autobiographie Ein Blick hinaus (1987) schreibt Jean Leppien von einer glücklichen Kindheit und einer literarisch und künstlerisch anregenden Jugendzeit, auf die die politischen Ereignisse wie der 1. Weltkrieg, die Inflation 1923 und der politische Extremismus noch keinen großen Einfluss ausübten. Das sollte sich später grundlegend ändern. Vom Johanneum, das er 1920 - 29 besuchte, erwähnt er den Lateinunterricht und die anfängliche Reserviertheit der Lehrerschaft gegenüber der neuen republikanischen Weimarer Verfassung von 1919. Das neben stehende Foto zeigt ihn als etwa 14 - jährigen Schüler des Johanneums.

Jean Leppien um 1914

Jean Leppien um 1924

Sein künstlerisches Talent zeigt sich etwa ab 1925-26 in Zeichnungen und Gemälden von Motiven aus der Umgebung der Heimatstadt und wird gefördert durch die Lüneburger Maler Ehrich Turlach und Otto Brix. Sein Vater erlaubt ihm die Einrichtung eines eigenen Ateliers auf dem Boden des elterlichen Hauses. Erste abstrakte Versuche 1927 finden anerkennende Würdigung, als er sich im Johanneum an einer Ausstellung beteiligt. Er wird in der Lokalpresse als "mutiger Jünger Kandinskys" gelobt, obwohl er noch nie ein Bild von Kandinsky gesehen und dessen Namen noch nie gehört hat. Erst 1928 sah er zum ersten Mal in der Gemäldegalerie Dresden Kandinskys Bild "Einige Kreise". Künstlerischer Treffpunkt der Jugendzeit ist die Buchhandlung Flohrs in der Grapengießerstraße, wo sein älterer Bruder Hans als Volontär beschäftigt ist. Von diesem erhält er 1928 eine Zeitschrift vom Bauhaus Dessau, die sein Interesse weckt. Das Bauhaus war 1919 vom Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet und 1926 nach Dessau verlegt worden.

 

Er beschließt, das Bauhaus selbst zu besichtigen, fährt etwa 250 Kilometer Landstraßen mit dem Fahrrad nach Dessau - und ist begeistert. Sein Vater, zunächst skeptisch und darauf bedacht, dass sein Sohn noch zwei Jahre bis zum Abitur durchhält, lässt sich schließlich durch einen eigenen Besuch in Dessau überzeugen. Leppien bewirbt sich mit einer Mappe und wird angenommen. Er verlässt das Johanneum nach der Primarreife und tritt am 8. 4. 1929, dem Tag seines Geburtstags, als Student in das Bauhaus ein, um Architekt zu werden. Er nimmt am Vorkurs Josef Albers teil und besucht die freien Malkurse von Wassily Kandinsky und Paul Klee. Aber schon nach dem ersten Semester verlässt er das Bauhaus und arbeitet als unbezahlter Assistent des Regisseurs Karl Engel bei Boehner- Film in Dresden.


Im Sommer 1930 geht Leppien nach Berlin und wohnt zeitweilig bei seinem Bruder Hans, der in Berlin eine Buchhandlung eröffnet hat. Zum Bauhaus in Dessau hält er ständigen Kontakt. Aber er wollte dorthin auch nicht mehr zurückkehren, nachdem der Bauhausdirektor Hannes Meyer nach internen Auseinandersetzungen zurückgetreten war. "Es war nicht mehr das wirkliche alte Bauhaus" schreibt Leppien später. Er assistiert 1930 Hans Richter ("Deutsche Filmliga"). Von Dezember 1930- 32 studiert er in Berlin an der Itten- Schule Fotografie bei Lucia Moholy und arbeitet bei Laszlo Moholy- Nagy, dem Vorgänger von Josef Albers, an Projekten für die Internationale Bauausstellung von 1931. 1932 lernt er in der Buchhandlung seines Bruders die Studentin des Bauhauses Suzanne Markos- Ney aus Ungarn, seine spätere Frau, kennen. Die Jahre in Berlin sind für Leppien ein "Feuerwerk" kultureller Ereignisse verbunden mit den Namen Helene Weigel, Bertolt Brecht, Ernst Busch, Erich Kästner, Kurt Tucholsky u.a.

 

Aber die Situation wird durch die hohe Arbeitslosigkeit von 6 Millionen und durch die politischen Rahmenbedingungen bis 1933 immer schlechter. Das Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung nehmen Leppien und seine Freunde zunehmend als Bedrohung wahr. Leppien besucht eine Riesenkundgebung der NSDAP im Sportpalast, in der ihm Hitler als Redner vorkommt wie das "Tier der Apokalypse" (Ein Blick hinaus, S. 127). Nach der Machtergreifung Hitlers und den Nazi- Aufmärschen zum 1. Mai 1933 , nachdem die SA bereits die Buchhandlung seines Bruders Hans ausgeräumt hat und seine Freundin Suzanne, die jüdischer Herkunft ist, Berlin verlassen hat, fasst auch Leppien den Entschluss, Deutschland des Rücken zu kehren.

 

Über Mainz, Basel, Locarno und Ascona gelangt er nach Paris. Suzanne folgt ihm einige Monate später. Mit gelegentlichen graphischen Auftragsarbeiten halten sie sich über Wasser. Die politische Entwicklung (spanischer Bürgerkrieg 1936- 39 und der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939) lässt den Pazifisten Leppien, der sich nun Lépine schreibt, zum Kriegsfreiwilligen "wider Willen" werden. Nach vorübergehender Internierung als Deutscher tritt Leppien in die Fremdenlegion ein. Er wird in Algerien ausgebildet und in Marokko stationiert, aber zu Kampfhandlungen kommt es nicht, da die Einheit nach der Kapitulation Frankreichs 1940 demobilisiert wird. 1940 reist Leppien nach Frankreich zurück. Sein Ziel ist der kleine Ort Sorgues bei Avignon, wohin Suzanne kurz vor der Besetzung von Paris durch die deutschen Truppen geflohen ist. Im unbesetzten südlichen Teil Frankreichs, der der Vichy- Regierung von Marschall Pétain untersteht, glauben sie sich vor den Deutschen einigermaßen sicher. Sie leben dort im Verborgenen, bewirtschaften ein kleines Stück Land mit Blick auf den Mont Ventoux, helfen auf den berühmten Weingütern des Châteauneuf du Pape und schlagen sich mit anderen Gelegenheitsarbeiten durch. 1942 heiraten sie.


Am 21. 3. 1944 wird Suzanne als Jüdin von der Gestapo verhaftet und abtransportiert - nach Auschwitz, wie sich später herausstellt. Einen Tag später wird auch Jean verhaftet. Nach Anwendung von Folter während der Haft wird er nach Paris transportiert und wegen "Waffenhilfe für den Feind" in einer halbstündigen Verhandlung am 5.5. 1944 von einem deutschen Kriegsgericht ohne ein Wort der Verteidigung zum Tode verurteilt. Sein deutscher Verteidiger, der die Verhandlung verpasst hat, erscheint kurz darauf bei Leppien in der Zelle mit den Worten: "Also gut, wollen wir mal unseren Verteidigungsplan durchsprechen". Auf Leppiens Einwand, er sei eben gerade zum Tode verurteilt worden, erwidert der Verteidiger, das spiele keine Rolle, man könne das in Ordnung bringen. Der Verteidiger diktiert Leppien den Wortlaut eines Gnadengesuches. Tatsächlich wird das Urteil in 15 Jahre Zuchthaus umgewandelt. Es folgt eine fast einjährige Odyssee durch verschiedene Zuchthäuser in Deutschland: Bruchsal, Ludwigsburg, Ulm, Kaisheim (nördlich Donauwörth). Am 25. 4. 1945 wird Leppien durch amerikanische Truppen befreit. Er trifft in Paris seine Frau Suzanne wieder, die die Hölle von Auschwitz überlebt hat.

 

Jetzt endlich, - er ist nun 35 Jahre alt und seine früheren Arbeiten sind fast vollständig verloren gegangen- , beginnt für Leppien das eigentliche Leben als Maler. Obwohl seine ersten Bilder an seinem neuen Wohnsitz in Nizza entstehen, hält er Kontakt nach Paris. Er ist Mitbegründer des Pariser "Salon des Réalités Nouvelles" . 1947 beteiligt er sich zum ersten Mal an Ausstellungen in Paris. 1949 findet hier seine erste Einzelausstellung statt. Er macht sich einen Namen unter den französischen Abstrakten. 1953 wird er französischer Staatsbürger (Leppien mit französischer Aussprache). 1950 siedelt das Ehepaar Leppien nach Roquebrune an der Côte d'Azur nahe der italienischen Grenze über, das auch später , als Paris wieder Hauptwohnsitz wird, als Sommersitz erhalten bleibt. "In der Heimat fühle ich mich, wenn ich südlich von Lyon in die Provence komme, wenn der Winkel der Dächer weniger als 90 Grad wird, dann sage ich: jetzt bin ich zu Haus!" (Leppien zitiert nach Walter Vitt a.a. O. S. 30). Ab 1969 wird Leppien nach zahlreichen eigenen Ausstellungen, besonders aber anlässlich der Ausstellung "50 Jahre Bauhaus" (Stuttgart, Paris, Chicago, Buenos Aires , Tokio u.a. Städte) so etwas wie ein Bauhaus- Experte in den französischen Medien. 1982 stirbt seine Frau Suzanne. 1984 richtet er sich ein Atelier in Boulogne bei Paris ein. In Lüneburg waren Leppiens Werke bisher zweimal zu sehen, nämlich 1988 im "Museum für das Fürstentum Lüneburg", drei Jahre vor dem Tode des Künstlers 1991, und von Mai-Oktober 2010 im Rathaus Lüneburg.
Mittlerweile ist in Lüneburg auch eine Straße in der Weststadt nach Jean Leppien benannt.

Jean Leppien, Ausstellung 1988 in Lüneburg

Jean Leppien bei Eröffnung  seiner Ausstellung 1988 in Lüneburg

Foto:  Hans Joachim Boldt

 

Literatur:
Walter Vitt, Jean Leppien, Verlag Th. Schäfer, Hannover 1986 (vergriffen)
Jean Leppien, Ein Blick hinaus, Manholdt- Verlag , Bremen 1987; überarbeitete Neuauflage im Verlag zu Klampen 2004
Helmut R. Leppien, Das Bauhaus und Jean Leppien, in: Isabelle Ewig u.a. (Hrsg), Das Bauhaus und Frankreich , Akademieverlag Berlin 2002 S. 449 - 464

 

Autor: Gerhard Glombik, letzte Änderung 10.11. 2013