Jean Leppien-

 

Kunst als

 

Blick hinaus

Jean Leppien,Terra incognita 1952

Terra incognita 1952, Ausstellungsexposé 1988

Der Name Jean Leppien hat seit Mitte des 20. Jahrhunderts seinen festen Platz unter den französischen abstrakten Malern. Leppiens Stil lässt sich aber kaum in ein bekanntes vorgefertigtes Schema einordnen. Wurde er von großen Meistern beeinflusst?

"Ah ja. Otto und Erich!... Ihr Einfluss hat mich stärker bestimmt als später der meiner Meister." So bekannte sich Jean Leppien 1974 in einem Ausstellungskatalog zu den alten Freunden seiner Jugendzeit Otto Brix und Ehrich Turlach. " Sie waren Maler in meiner Heimatstadt... zwei Maler nicht viel schlechter oder besser als die anderen. Sie waren 25 Jahre als ich 15 war." (1). Obwohl Leppien in seiner Autobiographie 1987 schreibt, er habe in Kandinskys Malkursen gelernt, "zu sehen, zu beobachten und ... Wissenswertes zu merken. Malen habe ich dort sicherlich nicht gelernt... " (S. 122), lässt sich der Einfluss des Bauhauses auf das Werk Leppiens nicht leugnen. Dieser besteht allerdings weniger in der Nachahmung oder Anlehnung an einen Stil eines seiner Bauhauslehrer. Die Spannung zwischen Farbform und Lineament als das Spezifische an Leppiens Stil aus den führen 50er Jahren ist "weder 'kandinskyhaft' noch 'kleehaft', wohl aber aus dem Bauhausgeist geschaffen" (2).

Leppien selbst hat in einem Text 1955 erläutert, was das Bauhaus für ihn bedeutete.

Jean Leppien 1963: Wer ist Farbträger, was ist Bildgrund?

Jean Leppien 1963: Wer ist Farbträger, was ist Bildgrund?

Das Bauhaus sei für ihn die Geisteshaltung einer Gemeinschaft von 150 verschiedenen Persönlichkeiten gewesen, eine kämpferische Haltung gegen die etablierten Werte und ein Ort der Realisierung von Kreativität (3). So wird verständlich, dass Leppiens Werk von einer Freiheit lebt, die nicht mit dem Festhalten an Vorbildern zu vereinbaren ist. Seine Bilder 1946- 48 sind noch dem Stil seiner Zeichnungen aus den frühen Jahren verpflichtet. Der Autodidakt Leppien erkundet - bedingt durch den Zeitverlust der Jahre der Nazi-Herrschaft - erst allmählich die Möglichkeiten der Malerei. Ohne Vorskizzen verlässt sich Leppien eher auf die Intuition und wird selbst zum ersten verwunderten Betrachter seines Bildes, was z.B. am Titel "Terra incognita" 1952 deutlich wird. Er zieht vorher nicht berechnete Linien durch eine Fläche, diese bilden Felder und Formen, die mit verschiedenen Farben ausgefüllt werden, wobei sie das Wagnis des Kontrastes und der Balance eingehen.

Dennoch verzichtet Leppien nicht auf geometrische Formen, die er handwerklich präzise gestaltet. In seiner weiteren Entwicklung bricht Leppien die Linien auf, lässt die bisher schwarzen Linien selbst zum farbigen Bildelement werden oder bildet sie zu "rätselhaften Figuren" oder "geheimnisvollen Zeichen" um. Größere Flächen erscheinen, die bisher lichte Farbpalette erreicht nun auch dunklere Töne. Ende der 50'er Jahre erhalten die Flächen durch Tupfen, Spachteln und verschiedene Farbaufträge eine Struktur und geraten in Bewegung, während die Farben "schwerer" werden. In den 60'er Jahren werden Impulse außereuropäischer Kunst verarbeitet. Spätestens hier zeigt sich eine "spirituelle" Seite an Leppiens Kunst, nämlich als Möglichkeit, "das Geistige, also das Göttliche im All, in der Natur, im Menschen wiederzufinden" (3). Kunst ohne Phantasie, ohne Magie und Metaphysik ist für Leppien nicht denkbar, wobei er selbst seine Bilder nur als Andeutungen von etwas Unbekanntem versteht. So kann man wohl auch die "Ufo- Serie" ab 1967 deuten, die die Form auf eine Scheibe mit Ring über einer Horizontlinie reduziert, und die "Magischen Kreise", die über einem liegenden Rechteck schweben. Damit wird die Farbe zum wichtigsten Stimmung erzeugenden Element, Sinnbild der ungeheuren Weite des Himmels, bzw. des Vorstellungsraumes. Als weitere Symbole werden Kreuze in vielen Variationen - aber ohne christliche Bedeutung - verwendet.

 

Anfang der 80'er Jahre dominieren Rechtecke in diversen Anordnungen und Farben, mit denen Leppien eines seiner Themen, nämlich den "Durchblick" gestaltet. Man kann darin eine Anspielung auf den schmalen Lichtblick zum Himmel aus der real erlebten Zuchthauszelle sehen, - Symbol für Leppiens Freiheitssehnsucht, die auch im Titel seiner Autobiographie "Ein Blick hinaus" (1987) Ausdruck findet. Die gleichzeitige Reduzierung der Bilder auf wenige Farbflächen interpretiert der Leppienkenner Walter Vitt als eine Art "Aufklärung", als "Sieg der Farbe über die Geheimnisse des Kults" (4). Außer Hunderten von Bildern und einer großen Wandmalerei im Restaurant eines großen Bürohauses in Paris, sind noch die Kreationen des Bühnenbildes und der Kostüme für das Ballett "Construction" des Choreographen Jacques Garnier 1973 , sowie die Rekonstruktion von Kandinskys Musiksalon- Entwurf für die Bauausstellung 1931 in Berlin zu erwähnen.

 

 Jean Leppien 1988 in Lüneburg

Lean Leppien 1988 in Lüneburg, Foto: Hans Joachim Boldt

 

Leppiens Werke waren in über 100 Einzelausstellungen in aller Welt zu sehen; dazu kommen noch unzählige Beteiligungen an anderen Ausstellungen in Frankreich und im Ausland u.a. in Mailand, Genua, Turin, San Remo, Zürich, Lausanne, Binghamton/New York, Tokio. Die letzten Ausstellungen seiner Werke fanden in Paris 1997, Strasbourg 1999, Köln 2003 und  2013 in der Hamburger Kunsthalle statt. Neben den Ausstellungen, die der Kunstverein Springhornhof 1976, 1984 und 1990 in Neuenkirchen in der Lüneburger Heide veranstaltete, waren Leppiens Werke bisher  in Lüneburg 1988 und 2010 und in Göddingen 2004 zu sehen. In Lüneburg befindet sich auch nur ein einziges Werk Leppiens (s.Bild oben, Mosaik an einer Hauswand).

Anmerkungen:
(1) Jean Leppien, Ausstellungskatalog des Musée Picasso, Antibes 1988
(2) Helmut R. Leppien, Das Bauhaus und Jean Leppien, in: Isabelle Ewig u.a. (Hrsg), Das Bauhaus und Frankreich , Akademieverlag Berlin 2002 S. 449 - 464, zit. S. 454
(3) Jean Leppien zitiert nach: Walter Vitt, Jean Leppien, Verlag Th. Schäfer, Hannover 1986, S. 30
(4) Walter Vitt, Jean Leppien, Verlag Th. Schäfer, Hannover 1986 S.52

 

Autor: Gerhard Glombik,  Letzte Änderung 10.11. 2013