Niklas Luhmann

 

als Schüler

 

des Johanneums

Niklas Luhmann als Schüler 

 

Pöakat der Luhmann-Tagung 2002 Am 8. 12. 2002 wäre Niklas Luhmann 75 Jahre alt geworden. Aus Anlass dieses Datums fand vom 6. - 8. 12. 2002 eine Tagung in der Universität Lüneburg statt mit dem Thema  Niklas Luhmann und die Kulturtheorie.         

Im Rahmen der Vorträge renommierter Luhmannkenner von

verschiedenen Universitäten des In- und Auslands bot das Johanneum eine Ausstellung unter dem Titel Niklas Luhmann als Schüler des Johanneums Lüneburg an.

 

Niklas Luhmann, am 8. 12. 1927 in Lüneburg geboren, wurde Ostern 1937 im Alter von 9 Jahren als Schüler des Johanneums in das Gymnasium, also mit Lateinunterricht beginnend, aufgenommen. Er hatte schon damals eine Klasse übersprungen, also nur drei Grundschuljahre absolviert. Das 1406 gegründete Johanneum befand sich damals in einem 1870 - 72 errichteten Gebäude am Ende der Haagestraße, dem heutigen Standort der Hauptschule und der Orientierungsstufe Stadtmitte.

Das Haus der Familie Luhmann, die in Lüneburg altbekannt war, stand im Hafenviertel.

Wilhelm Luhmann, der Vater von Niklas Luhmann, betrieb dort eine kleine Brauerei und Mälzerei, die Mutter Niklas Luhmanns stammte aus einer Schweizer Hoteliersfamilie.

                                      

                                      

                                      

                                      

Niklas Luhmann im Alter von 9 Jahren

 

Haus der Familie Luhmann

Heute befinden sich

in dem Gebäude das

Antiquariat "Pliniana"

und die Gastwirtschaft "Pons". Niklas Luhmann hatte als Johanniter einen bequemen 

Schulweg von etwa 600 Metern zum Gymnasium.

Als Luhmann 1937 in das Johanneum eintrat, hatte dieses schon einige Jahre der Beeinflussung durch den Ungeist des Nationalsozialismus

hinter sich.                   

 

 Die Familie Luhmann stand dem

Nationalsozialismus distanziert und ablehnend gegenüber. Der Vater hatte wegen seiner eher wirtschaftsliberalen Einstellung sowohl etwas gegen die Sozialdemokraten als auch gegen die Nationalsozialisten und bekam aus verschiedenen Gründen nach 1933

Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern. (Horster, Detlef: Niklas Luhmann, Beck- Verlag München 1997,

S. 25 ff).

 

Gebäude des Johanneums  1872-1978

Foto: Archiv des Johanneums

 Niklas Luhmann , der als Kind und Jugendlicher die Sommerferien in der Schweiz verbrachte, lernte hier politische Ansichten kennen, die in Deutschland damals verpönt waren. Er war z. B. gegen Franco, was dazu führte, dass Lehrer des Johanneums sich über seine politische Meinung beschwerten und den Vater zum Gespräch bestellten. Über die frühe Schulzeit Niklas Luhmanns ist sonst wenig bekannt. Obwohl er eine Schulklasse übersprungen hatte und unter seinen Klassenkameraden des Geburtsjahrgangs 1926 der Jüngste war, fiel seine rege Beteiligung im Unterricht auf.

 

 Die nationalsozialistische Machtergreifung und Gleichschaltung hatte auch das Johanneum nicht verschont (Zum Folgenden: Kantelhardt, Adolf: Das Johanneum zu Lüneburg, in: Festschrift zum 550-jährigen Bestehen des Johanneums, Lüneburg 1956, S. 38 ff). Ab 1935 gehörte die ganze Schülerschaft der Hitlerjugend (HJ, 14- 18 Jahre) oder dem Jungvolk (Deutsche Jugend DJ, 10 - 13 Jahre) an. Lehrer waren entweder Mitglied im NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund) oder in der NSV ( Nationalsozialistisch Volkswohlfahrt) Es gab zu Beginn jeder Woche morgendliche Flaggenappelle auf dem Schulhof oder nationalsozialistische Morgenfeiern an Stelle der früheren religiösen Morgenandachten.

 

Der Unterricht wurde durch verordnete außerschulische Veranstaltungen (z.B. Lager der Hitlerjugend) massiv beeinträchtigt, so dass die Schülerleistungen sich verschlechterten, wie sogar der von den Nationalsozialisten eingesetzte Direktor des Johanneums zugestehen musste. Die Nationalsozialisten führten die 8- jährige Oberschule ein, das heißt, sie verkürzten die Schulzeit an Oberschule und Gymnasium um ein Jahr. Die mündliche Reifeprüfung im Fach Biologie wurde Pflicht, da in Biologie die Indoktrination durch die NS- Rasselehre stattfand. Auch in anderen Fächern wie Geschichte oder Deutsch war der Lehrplan ideologisch an den NS- Richtlinien ausgerichtet, wobei die wirkliche Durchführung aber immer noch von der individuellen Einstellung des jeweiligen Lehrers abhing. Nach 1939 litt der ordnungsgemäße Unterrichtsablauf zunehmend unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Das letzte reguläre Abitur fand 1942 mit 7 Schülern statt, die anderen hatte man bereits vor dem Abitur zur Wehrmacht einberufen.

 

Die damalige Adresse des Johanneums lautete wie aus der Liste über die Musterungen aus dem Jahr 1943 ersichtlich "Gauleiter - Telschow - Wall 1". Lüneburg war 1937 an Stelle von Harburg zur "Gauhauptstadt" von Ost- Hannover erklärt worden und der nationalsozialistische Gauleiter Telschow zog ab 1937 in eine Villa in der Schießgrabenstraße ein, die nur etwa 200 Meter vom Haus der Luhmanns entfernt lag. Zusammen mit der Friedensstraße hatte man 1939 - 45 die Haagestraße, die direkt auf das Johanneum zuführte, in "Gauleiter- Telschow- Wall" umbenannt.

 

1943 wurden die oberen Klassen der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 als Luftwaffenhelfer verpflichtet. Am 1. 4. 1943 wurde auch Niklas Luhmann bereits im Alter von 15 Jahren mit seinen um ein Jahr älteren Klassenkameraden der Klasse VI (Gymnasium) einer Musterung für den Dienst als Luftwaffenhelfer unterzogen und für tauglich (Vermerk "tgl") befunden. Die Liste der gemusterten Schüler enthielt maschinenschriftlich den Fehler des Geburtsdatums 8.12. 1926 , der handschriftlich in 1927 berichtigt wurde. Die Schüler wurden als Flakhelfer auf dem Lüneburger Fliegerhorst, aber auch in Rotenburg und Stade eingesetzt, eine andere Gruppe in Hamburg-Harburg.

Luftwaffenhelfer bekamen eine Abfindung von 0,50 Reichsmark täglich; Bekleidung, Unterkunft und Verpflegung wurden gestellt. Die Dienstvorschrift wies zwar darauf hin, dass die Luftwaffenhelfer nicht als Soldaten anzusehen seien und dass die Schüler ausreichend Schlaf benötigten. In der Realität waren die Schüler aber durch die nächtlichen Einsätze an der Flak übermüdet. Man beachte außerdem die "Verpflichtungsformel", die auch Niklas Luhmann gesprochen haben muss.

 Die Verpflichtungsformel für Flakhelfer

 Der gymnasiale Unterricht wurde für Luftwaffenhelfer und Lehrer des Johanneums unter erschwerten Bedingungen weitergeführt. Die Lehrkräfte mussten täglich den langen Weg zum Fliegerhorst am Rande Lüneburgs auf sich nehmen und für die Schüler bedeutete die ständige Alarm- und Gefechtsbereitschaft sowie der ständige Wechsel der Standorte (Rotenburg, Stade) eine weitere Belastung. An den anderen Standorten wurden sie auch von ihnen fremden Lehrkräften unterrichtet.

 

Die durchschnittliche Stundenzahl pro Woche betrug bei 6 Wochentagen nur 18 Stunden Unterricht, also 3 Stunden pro Tag.Der Klassenlehrer monierte in einem Bericht den Unterrichtsausfall wegen Gefechtsbereitschaft und das Fehlens eines Erdkundelehrers. Viele Male wurde der Gefechtsstand der Flakhelfer angegriffen. Die Schüler klagten über die unzureichende Verpflegung, wobei die vom Klassenlehrer Griesbach angeführte Schülerbeschwerde eher noch banal wirkt: "...sie erhalten z.B. dreimal in der Woche Margarine statt Butter". Der Lehrplan speziell für Luftwaffenhelfer war besonders in den Fächern Biologie, Geschichte und Deutsch durch die nationalsozialistische Ideologie bestimmt. In Biologie sollten z.B. die Themen "Volk und Rasse" und die "biologischen Ursachen des Verfalls von Kulturvölkern", in Deutsch "die Grundzüge der germanischen

Weltanschauung" , in Geschichte das "Wesen des Führerstaates" und der "Sinn des Zweiten Weltkrieges" behandelt werden. Sogar die Latein- Lektüre "Caesar" hatte "vor allem die Germanenkapitel" zu berücksichtigen (laut Lehrplan für Luftwaffenhelfer, Archiv des Johanneums). Allerdings fiel der Biologie- Unterricht in der Klasse Niklas Luhmanns ab Sommer 1944 wegen Lehrermangels aus.

 

Die Erlebnisse Niklas Luhmanns als Luftwaffenhelfer kann man sich als dramatisch und schrecklich vorstellen. Er selbst berichtete wenig darüber. Er sah z.B. die Leichen von Piloten eines abgestürzten britischen Flugzeuges, die "von hinten erschossen in der Flugzeughalle lagen" (Horster a.a.O. S. 27).( Ob Luhmann hier wirklich indirekt Zeuge eines Kriegsverbrechens wurde, wie seine eigenen Beobachtungen und Formulierungen es nahe legen, muss offen bleiben, da die historischen Hintergründe nicht geklärt sind). Wie ein schwerer Luftangriff im Mai 1944 ausgesehen hat, den Luhmann wahrscheinlich in Rotenburg miterlebte, ist einer Schilderung des ehemaligen Nationalspielers Fritz Walter zu entnehmen, der von August 1943 - Mai 1944 im Luftwaffengeschwader des fußballbegeisterten Jagfliegers Major Graf in Jever und Rotenburg seinen militärischen Dienst beim Bodenpersonal tat und nebenher Fußball spielte:

 

"Schauerlicher als sonst- so scheint es uns - heulen die Sirenen. Aus Unterkünften und Werkstätten flitzen Soldaten in Splittergräben und Ein- Mann- Löcher. Die Luftwaffenhelferinnen, die bei uns in den Büros beschäftigt sind, laufen in den primitiven Schutzraum. Immer näher kommt das dumpfe Gedröhn der Bomber. Aus unseren Löchern heraus beobachten wir, wie sie direkten Kurs auf uns nehmen. Deutlich sehen wir, wie sich die Bombenklappen öffnen und der tödliche Inhalt herabregnet. Ein paar Atemzüge lang stockt allen der Herzschlag. Dann erzittert die Erde unter grauenhaften Detonationen. Dreckfontänen schießen zum Himmel und fallen in sich zusammen. Der Tag des Weltuntergangs scheint da zu sein. Das Inferno dauert nur zwei oder drei Minuten. Während die Flakgeschütze noch wütend belfern und die Schnellfeuerkanonen ihre Leuchtspurketten in den Himmel jagen, ziehen die Bomber bereits wieder ab. ... Der Flugplatz ist aufgewühlt von Bombenkratern, einer dicht neben dem anderen. Die Werfthallen sind nur noch gespenstische Skelette aus Stahl und Beton, die Flugzeugboxen zerschmettert, die Wohnbaracken zusammengefallen. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen. ... Das Entsetzlichste aber sind die Hilfeschreie der Verwundeten und Sterbenden. An die zweihundert Todesopfer hat dieser eine Angriff gefordert..." (Walter, Fritz: 11 rote Jäger, Nationalspieler im Kriege, Copress- Verlag München 1959 S. 112ff . Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Otto Groschupf s.u.)

 

Am 30. 9. 1944 wurde Niklas Luhmann kurz nach Beginn der Klasse VIII in den Reichsarbeitsdienst entlassen. Eine Abiturprüfung fand nicht statt. Die Schüler erhielten ein Abgangszeugnis mit "Reifevermerk" , das aber nach 1945 nicht anerkannt wurde. Ende 1944 wurde Luhmann zur Wehrmacht eingezogen und erhielt eine kurze Schießausbildung. Zum Kriegseinsatz Anfang 1945 an die Front nach Süddeutschland geschickt, nahm er in Heilbronn an heftigen Gefechten und Bombardements mit den Amerikanern teil. Ihm war schon seit 1943 klar gewesen, dass der Krieg verloren gehen würde; es ging nur um das Überleben. Er musste erleben, wie ein Kriegskamerad, der neben ihm lief, durch eine Granate zerfetzt wurde. Im Frühjahr 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die Amerikaner konnte der 17- jährige Jugendliche aber damals noch nicht als echte Befreier empfinden, da sie ihm die Armbanduhr wegnahmen und ihn während der stattfindenden Verhöre grundlos verprügelten- entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention (Niklas Luhmann in einem Interview in: Baecker, D./Stanitzek,G. Hrsg: Archimedes und wir, Berlin 1987 , S. 129).

 

Inhaftiert wurde Luhmann zunächst in einem der großen Kriegsgefangenenlager in den Rheinauen in der Nähe von Ludwigshafen, wo es täglich in jeder Abteilung von etwa 1000 Gefangenen mindestens einen Toten gab, meist wegen Erschöpfung und Entkräftung. Kurz vor Kriegsende wurden die Gefangenen in ein Arbeitslager in der Nähe von Marseille gebracht, wo sie als Reparationsleistung für Frankreich arbeiten sollten. Zuletzt wurde Luhmann 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, weil er noch nicht 18 Jahre alt, also minderjährig war.

 

Das Johanneum wurde in der Endphase des Krieges ab 5. 8. 44 Lazarett, so dass die Klassen zunächst in der Wilhelm-Raabe-Schule, im Januar 1945 dann in der ganzen Stadt verteilt Unterkunft fanden. Die Bücherei und das Mobiliar des Johanneums wurden ausgelagert und, obwohl das Johanneum selbst nicht von Bomben getroffen wurde, verbrannten sie Anfang Mai 1945 durch eine Unachtsamkeit in einem Ziegelwerk vor Lüneburg. Die rohen Holztische, die dem Johanneum nach Kriegsende verblieben, verrieten ihre Herkunft "aus dem russischen Walde", da sie als Lazarettbestand aus Russland

mitgebracht worden waren.

 

Auch Niklas Luhmann lernte noch einmal an ihnen und saß auf den wackeligen Sitzgelegenheiten, die "wohl noch aus dem Jahre 1406 stammten", wie einige Schüler witzelten. Da das "Notabiturzeugnis" nach Kriegsende nicht anerkannt wurde, fanden für Kriegsteilnehmer wie Niklas Luhmann, die die Klasse VIII noch nicht besucht hatten, zwei Übergangskurse statt. Der erste Kursus von Oktober 1945 bis Ostern 1946 hatte 137 Teilnehmer; von ihnen bestanden nur 53 die Abiturprüfung - unter ihnen auch Niklas Luhmann. Er wurde in Deutsch, Latein und Griechisch geprüft. Der zweite Kursus vom Mai bis Dezember 1946 hatte 72 Teilnehmer (darunter viele vom ersten Kursus), 35 davon bestanden das Abitur. Unter den Teilnehmern des zweiten Kurses war ein weiterer prominenter Johanniter, nämlich der 2002 verstorbene Prinz Claus von Amsberg.

 

Die Kriegserlebnisse haben auf Luhmanns Werdegang und seine spätere Systemtheorie einen nachweisbaren Einfluss ausgeübt. Bei seiner Entscheidung Jura zu studieren war er nach eigenen Aussagen von dem Wunsch geleitet, "eine Möglichkeit zu haben, Ordnung zu schaffen in dem Chaos, in dem man lebte." (Niklas Luhmann in einem Interview mit Wolfgang Hagen kurz vor seinem Tode am 6. November 1998, Quelle: Wolfgang Hagen, Hrsg., Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?, Kulturverlag Kadmos Berlin 1. Aufl. 2004, S. 17) . A. Koschorke und C. Vismann meinen darüber hinaus, in dem Motiv Ordnung zu schaffen eine biographische Wurzel für die Entstehung von Luhmanns Systemtheorie gefunden zu haben. (Wolfgang Hagen, a.a. O. S. 11). Vielleicht, so könnte man ergänzen, ist durch die Erfahrung des Zufalls, wer in den Kriegsereignissen überlebte und wer nicht, auch ein weiteres Element der Luhmannschen Theorie, nämlich der Begriff der Kontingenz mit geprägt worden.

 

Die Schulbildung am Johanneum bewertete Luhmann später als gut, besonders den Griechisch- und Latein- Unterricht, in dem auch über die Texte diskutiert wurde (Horster a.a.O. S. 29 und Wolfgang Hagen, Hrsg., a.a.O. S.20). Andererseits könnte man aus einer Bemerkung Luhmanns hinsichtlich der Bedeutung der alten Sprachen, dass die "Lernkapazität" der Schüler "der Komplexität des Wissens doch unüberschreitbare Grenzen ziehe", eine nachträgliche Skepsis herauslesen (Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankf.M., 1998 , 3.Aufl. S. 602). Die schon seinen Mitschülern unheimliche Lesewut ihres Klassenkameraden Niklas Luhmann könnte als Rückzug aus den Zumutungen und der Härte der Anforderungen der damaligen Zeit gedeutet werden, ist aber wohl eher ein Hinweis auf einen verkannten Hochbegabten, der hauptsächlich geschichtliche Interessen hatte.

 

Zum Abschluss sollen noch zwei ehemalige Klassenkameraden als Zeitzeugen zu Wort kommen, die der Verfasser um eine Stellungnahme über Niklas Luhmann gebeten hatte:

 

"Mit Niklas Luhmann war ich zusammen in der Klasse des Gymnasiums, d.h. wir haben mit Latein begonnen (im Unterschied zur "Oberschule" , die mit Englisch begann). Niklas Luhmann war ein guter Schüler; er war fleißig und hatte ausgeglichene Leistungen. Auffallend war seine unsägliche Lesewut, die nach meinem Eindruck bis an die Grenze seiner nervlichen Leistungsfähigkeit ging. Als wir dann 1943 Luftwaffenhelfer wurden, empfand Niklas das als eine schreckliche Zeit, da er diese persönlichen Interessen weitgehend aufgeben musste. Wir wurden als Luftwaffenhelfer in Lüneburg, Stade und Rotenburg eingesetzt. In Lüneburg kamen die Lehrer, die man kannte, extra vom Johanneum aus der Stadt zum Fliegerhorst, um uns zu unterrichten. In Rotenburg und Stade aber wurden wir von anderen, uns unbekannten Lehrern aus Ostpreußen unterrichtet. Wenn es nachts Alarm gegeben hatte, fielen die ersten Stunden des Unterrichts des nächsten Tages aus. Das geschah besonders 1944 manchmal zwei oder dreimal pro Woche. Von einem erheblichen Angriff auf den Flugplatz Rotenburg, den auch Niklas Luhmann miterlebte, berichtete übrigens der frühere deutsche Fußballnationalspieler Fritz Walter in seiner Biographie".

(Otto Groschupf, Präsident des Oberverwaltungsgerichts in Hannover a.D., in einem Telefongespräch vom 3. 12. 2002 mit dem Verfasser.)

 

"Luhmann war auf dem Gymnasium, meine Freunde und ich auf der Oberschule. Daher bestand kaum ein Kontakt in dieser Zeit. Das änderte sich, als beide Klassen 1943 als Luftwaffenhelfer zu derselben Flakbatterie eingezogen wurden. Bis zum Herbst 1944 wurden wir auf den Flugplätzen in Lüneburg, Rotenburg und Stade eingesetzt. Luhmann

war umgänglich und freundlich, fiel aber nicht sonderlich auf. Sicher hätte ich ihm damals eine solche Karriere nicht zugetraut..."

(Günther Wilke , Diplomingenieur i.R., Lüneburg, in einem Brief vom 1. 11. 2002 an den Verfasser)

 

Autor: Gerhard Glombik,   letzte Änderung: 8.12. 2013