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Niklas

 

 

Luhmann

Niklas Luhmann 1927-1998

Foto: Landeszeitung Lüneburg

Niklas Luhmanns Werke zu lesen und zu verstehen ist ein nicht ganz einfaches und Zeit raubendes Unterfangen, weswegen es bereits alle möglichen Arten von Einführungen in die Systemtheorie Luhmanns gibt, die dem Laien den Einstieg ermöglichen sollen: angefangen von fachlich soliden Einführungen in Leben und Werk Luhmanns z.B. von Detef Horster (München 1997) oder von Walter Reese-Schäfer (Hamburg 1999, 3.Aufl.), über das "Luhmann - Lexikon" von Detlef Krause (Stuttgart 2001) , bis hin zum manchmal Schmunzeln hervorrufenden dialogisch geschriebenen Buch von Peter Fuchs "Niklas Luhmann- beobachtet" (Opladen 1992).

 

Luhmann selbst war sich natürlich über die Schwierigkeiten, die das Verständnis seiner Theorie beeinträchtigen, völlig im Klaren. Denn in jedem Buch zu den einzelnen Funktionssystemen (Politik, Kunst, Religion, Wirtschaft) verspürt man sein Bedürfnis, den Leser noch einmal die Grundlagen und Herleitungen seiner Theorie nachvollziehen zu lassen, allerdings in einer derart komprimierten Form, als könne er doch die Lektüre aller bisherigen Bücher voraussetzen. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der Luhmann vertraute Begriffe, die er für unbrauchbar hält - meist als "alteuropäisch" bezeichnet-, durch eigene Fachausdrücke ersetzt. Wer hier bei einer wichtigen Unterscheidung einige Seiten übersprungen hat, wird irgendwann für diese Nachlässigkeit mit Nichtverstehen bestraft.

 

Unterscheidungen sind das A und 0 in Luhmanns Systemtheorie. Überhaupt basieren nach Luhmann alle Erkenntnis und Wissenschaft, aber auch das Agieren von Systemen auf Unterscheidungen. Das, was wir "Welt" nennen, existiert nach Luhmann nicht objektiv als Realität. Die "Welt" sei als Ganzes ein unerkennbares Gewirr aus Materie, Bewegungen , Veränderungen, physikalischen Energieströmen, Schallwellen usw. Erkennbar werden Einzelheiten nur durch Abgrenzungen und Unterscheidungen, durch die sich ein lebendes System in dieser Welt als solches selbst setzt und autopoietisch (von griech. poiesis: Erzeugung, Herstellung) ständig erhält. Das lebende System ist zwar nicht selbstschöpferisch (authypostatisch), da es z.B. aus Materiebausteinen besteht, die es nicht selbst hervorgebracht hat. Aber indem sich das System von der Umwelt abgrenzt, lässt diese Operation ein System und seine Umwelt "entstehen". Erst durch diese Unterscheidung "gibt" es das System und die Umwelt. (Einzelne Systeme sind jeweils füreinander auch Umwelt). Das System kann dadurch aber die "Wirklichkeit" nicht mehr erreichen, das heißt, es ist operativ geschlossen. Das System ist "selbstreferentiell", es kann nur mit eigenen aufgebauten Komponenten und Operationen agieren und sich nur auf eigene Leistungen beziehen. Die "Welt" existiert nur in der Konstruktion des Systems. Das System betreibt auf diese Weise Reduktion von Komplexität.

 

Luhmann steht also in der philosophischen Tradition des Konstruktivismus, also der Erkenntnistheorie, wonach jede Erkenntnis ihren Gegenstand nicht einfach nur vorfindet, sondern immer zugleich auch konstruiert. Mit ihm verknüpfte er die Theorie der Autopoiese der Biologen Maturana und Varela und transformierte sie in die Soziologie , was Maturana schon zu Beginn der 80er Jahre kritisierte. Um agieren zu können, muss das System auch die Unterscheidung von System und Umwelt in sich aufnehmen. Luhmann nennt das in Anlehnung an den wenig bekannten Mathematiker George Spencer Brown das "reentry". (George Spencer Brown lässt ebenfalls alle Erkenntnis mit einer Unterscheidung beginnen: "draw a distinction!"). Reentry ist der Wiedereintritt des Unterschiedenen in das unterscheidende System.

 

Den Unterscheidungsvorgang nennt Luhmann auch Beobachtung. In dem Meer von Dunklem und Undefinierbarem, das wir Welt nennen, wird durch eine Beobachtung ein Aspekt gleichsam angeleuchtet und markiert, während die andere Seite im Verborgenen als "unmarked space" bleibt. Beide Seiten sind zwei Teile einer Einheit und gleichzeitig eigentlich eine Paradoxie (hell/dunkel). Warum gerade diese Seite vom Rest der Welt unterschieden wurde, bleibt aber dem Beobachter selbst verborgen. Er sieht nur, dass diese Unterscheidung getroffen wurde. Die Frage nach dem Grund für diese Unterscheidung ist der "blinde Fleck", auf dem der Beobachter selbst steht, bzw. das Auge, das sich selbst nicht sehen kann. Was den Beobachter dazu veranlasst, diese und keine andere Unterscheidung zu treffen, entzieht sich im Akt der Unterscheidung der Beobachtung. Die Art dieser Beobachtung kann nur durch einen zweiten Beobachter, bzw. eine Beobachtung zweiter Ordnung von außen beobachtet werden.

 

Dass ein System überhaupt entstehen konnte, ist nach Luhmann nicht durch strenge Kausalitäten der Evolution determiniert, sondern eher Ausdruck von Kontingenz (Unvorhersehbarkeit, Zufälligkeit) und Unwahrscheinlichkeit. Luhmann leugnet dabei nicht die Evolution, sondern verändert ihr Verständnis. Während in Darwins Theorie die durch zufällige Mutationen entstandenen , aber nicht an die Umwelt angepassten Individuen oder Tierarten von der Natur aussortiert werden (externe Selektion), wird in der "Evolutionstheorie der Systeme" die neu ausprobierte Operation eines Systems (Variation) vom System selbst daraufhin überprüft, ob es als neues Strukturangebot dauerhaft übernommen werden oder wieder "vergessen" werden soll (Selektion). Erst wenn diese Selektion sich als autopoietisch erfolgreich erwiesen hat, erfolgt eine Restabilisierung. Der Gewinn dieser Sichtweise besteht wohl für Luhmann darin, dass das System mit seinen Möglichkeiten stärker gewürdigt wird, während die "Härte der Anpassung an die Realität" und der Druck der Realität abgemildert wird.

 

Deswegen ist für Luhmann und die Konstruktivisten das System nicht durch die Umwelt determiniert und "stimmt" deshalb nicht mit der Umwelt überein, wie z.B. die "Evolutionäre Erkenntnistheorie" bestimmte Körperformen von Fischen als evolutionäre Anpassung an die Umwelt des Wassers oder die Beschaffenheit des Pferdehufes als Anpassung an den Steppenboden erklärt. Es gibt nach Luhmann nur bestimmte "Passungen" und Beziehungen zwischen System und Umwelt, so genannte "strukturelle Kopplungen" , die dem System genügend Freiheiten zum Agieren lassen. Oft ist dieser Begriff allerdings sehr unscharf, besonders wenn es um Beziehungen zwischen Systemen geht.

 

Luhmanns Systemtheorie unterscheidet beim "Menschen" zwischen dem physischen System (Körper, Stoffwechsel, Organe), eventuell wird noch das Nervensystem (Gehirn) genannt, dem psychischen System (Bewusstsein, Gefühle) und sozialen Systemen, die alle auf Kommunikation basieren. Soziale Systeme sind nach Luhmann z.B. die Familie, die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft, die Religion, die Kunst oder das Erziehungssystem. Es fällt auf, dass der "Mensch" als handelndes Subjekt nicht mehr auftaucht; er ist in verschiedene Systeme zergliedert, die sich aus verschiedenen Stufen der Evolution herleiten und füreinander jeweils Umwelt sind. Ein Gesamtsubjekt Mensch ist nicht mehr Gegenstand der soziologischen Theoriebildung; nur der Konvention ist es geschuldet, wenn man von "Person" spricht, damit man weiß, wem ein Kommunikationsakt zuzurechnen ist.

 

Ein soziales System ist bei Luhmann nicht - wie in den Diskussionen der 68er Generation- eine erstarrte Gesamtgesellschaft, die die Menschen einengt oder unterdrückt, sondern es besteht aus verschiedenen durch gesellschaftliche Evolution entstandene Arten des kommunikativen Austausches. Luhmann, der sich durchaus der Aufklärung verpflichtet sieht, legte sich Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre mit dem damaligen Zeitgeist an, was sich besonders an seiner Kontroverse mit Jürgen Habermas zeigte. Luhmann verstand seine "soziologische Aufklärung" als "Abklärung", auch im Sinn der Entdramatisierung einer auf Abbau von überflüssiger Herrschaft ausgerichteten emanzipatorischen Soziologie. Hinter Luhmannns Systembegriff stehen keine moralischen Ideale. Die Systemtheorie soll nur beschreiben.

 

Luhmann hat die Systemtheorie Talcott Parsons, die er für sich entdeckte, als sich keiner mehr um sie zu kümmern schien, entscheidend verändert. Bei Parsons braucht das Gesamtsystem (z.B. die Gesellschaft) Teilsysteme zur Erhaltung seiner Struktur (strukturell- funktionalistische Systemtheorie). Für Luhmann erfüllen die einzelnen sozialen Systeme jeweils für die anderen Systeme bestimmte Leistungen, nicht aber für ein Gesamtsystem. Es gibt keine Zentrale mehr in der Gesellschaft, in der die Normen für die Teilsysteme festgelegt werden. Die einzelnen Systeme haben sich also in einem evolutionären Prozess selbstständig ausdifferenziert (funktional-strukturelle Systemtheorie, Äquivalenzfunktionalismus). Anders als bei der Evolution von Organismen geht es jetzt aber nicht mehr um das Überleben des Systems, wie es die frühere Körper- oder Organismus - Metapher der Gesellschaft betrachtete, sondern um die Anschlussfähigkeit des Handelns und der Kommunikation. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten.

 

Andererseits liegt es im Begriff des Systems, das jedes System nur ein bestimmtes "Feld" zum Agieren hat, was Luhmann Medium nennt, und nur bestimmte Möglichkeiten des Operierens, z.B. einen Code besitzt. Im System Wirtschaft z.B. geht es um das Medium Geld und der Code heißt "Zahlung oder Nichtzahlung". Im politischen System ist das Medium Macht und der Code ist "Macht haben oder keine Macht haben" (Regierung oder Opposition). So erklärt sich nach Luhmann aber auch, warum es zwischen verschiedenen Systemen in unserer Gesellschaft oft nicht so reibungslos abläuft, wie man es nach dem Stand früherer Theorien erwarten sollte. Das politische System beispielsweise möchte gern die hohe Arbeitslosigkeit überwinden, ist aber trotz oder wegen seines eigenen Codes "Macht/keine Macht" beim Versuch das System der Wirtschaft zu beeinflussen an dessen Code "Zahlung/ Nichtzahlung" gebunden. Nicht nur politische Systeme mit Zentralverwaltungswirtschaft mussten deshalb langfristig an Grenzen stoßen.

 

Das Erziehungssystem, dessen Code "gut lernen/schlecht lernen" heißt, wird immer Formen der Leistungsmessung haben müssen und deshalb auch Kriterien des Erreichens und Nichterreichens von bestimmten Lernzielen. Der Forderung "Erziehung (im Sinne von Förderung) statt Selektion" auf den Fahnen mancher Reformpädagogen liegt systemtheoretisch eine Scheinalternative zu Grunde. Sie ist nach der Systemtheorie undurchführbar.

 

Das Typische am System Religion ist nach Luhmann , dass es die Welt, die eigentlich unbeobachtbar ist, durch die Unterscheidung von Gott und Welt in den Status der Beobachtbarkeit versetzt, um daraus neue Informationen zu gewinnen. Obwohl es für lebende Systeme nur Sinnvolles geben kann - in der schwachen Bedeutung, dass Kommunikation die Dinge sinnhaft bezeichnet - vollzieht die Religion im Medium Sinn eine Realitätsverdoppelung, indem einem sinnhaften Ereignis darüber hinaus eine besondere Bedeutung verliehen wird (ähnlich auch in der Kunst). Gleichzeitung erkennt sich Religion an dieser Unterscheidung und schützt die Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz durch die Tabuisierung der Transzendenz (z.B. durch den Begriff des Heiligen). Dass diese Differenz selbst nicht mehr von einer Beobachtung 2. Ordnung beobachtet werden darf, erklärt nach Luhmann in monotheistischen Religionen die Gestalt des Teufels: Er wollte mehr sehen, als er durfte, und wurde dafür als böser Engel aus dem Himmel gestoßen. Religiöse Mythen liefern keine kausale Erklärung für Phänomene des Lebens, sondern sind der Versuch das Unvermeidliche nicht einfach hinzunehmen und die Kontingenz des Lebens durch Deutungen zu bewältigen.

 

Nach der Lektüre einiger Werke Luhmanns könnten dem interessierten Leser einige Gedanken kommen, die die Luhmannsche Hypothese von der "Unwahrscheinlichkeit" der Evolution vieler Phänomene aufgreifen und sie als kritische Fragen wieder an die Systemtheorie zurückreichen:

Sind es nicht große Unwahrscheinlichkeiten,

 - dass relativ junge gesellschaftliche Systeme wie Recht, Wirtschaft, oder Kunst eine Analogie zu biologischen Systemen (Zellen) bilden sollen, die auf eine Bestandszeit von etwa 4 Mrd. Jahren zurückblicken können,

 - dass so verschiedenene Phänomene wie Religion, Wirtschaft oder Wissenschaft nicht nur mit dem gleichen Begriff, nämlich System, beschreibbar seien, sondern dass sie auch tatsächlich so funktionieren sollen,

 - dass z.B. so verschiedene Arten von Religionen wie Monotheismus, Naturreligionen oder Esoterik dem gleichen weltweit operierenden System Religion angehören sollen ?

 

Es bleibt außerdem abzuwarten, ob sich Luhmanns gewaltiges Theoriegebäude als "30 Jahre währendes Ein-Mann-Großforschungsprojekt (Kosten: keine)" (Zitat Wolfgang Hagen) mit seiner berühmten Zettelkasten-Methode und dem Verzicht auf Empirie überhaupt der Möglichkeit empirischer Überprüfung zugänglich erweist. Was der Leser dieser "Lesehilfe", der sich an ein Werk Luhmanns herantrauen sollte, sicher begriffen hat, ist dieses: Er beobachtet, wie ein Beobachter in Gestalt des Verfassers dieser "Lesehilfe" Luhmann beobachtet. Wenn er sich mit dieser Brille nicht begnügen will, muss er sich in einen Beobachter erster Ordnung verwandeln und - Luhmann selbst lesen.

 

Autor: Gerhard Glombik Nov. 2005 , letzte Änderung 8.12. 2013