Professor Dr. Sinn, Festvortrag anlässlich des 600-jährigen Schuljubiläums am 16.09.2006 

 

Anlässlich der 600-Jahr-Feier des Johanneums in Lüneburg hielt Herr Professor Sinn als ehemaliger Johanniter den Festvortrag zum Schulmotto doctrinae - virtuti - humanitati.

 

Ulrich Sinn

 

"Doctrinae – Virtuti – Humanitati"


Festrede zur 600-Jahr-Feier des Johanneum am 16. September 2006

 

Kein antiker Autor hat sich so intensiv mit der Humanitas beschäftigt wie Marcus Tullius Cicero. Seine Schriften de oratione und de officiis, vor allem aber auch ...

 

Werte Festgäste!

Leider bin ich bei der Ausarbeitung meiner Festrede über diesen Ansatz nicht hinausgekommen. Ich hatte kaum meinen Cicero zur Hand genommen, da wurde ich durch die Annäherung dreier Damen um meine Konzentration gebracht. Nicht dass mir der Anblick weiblicher Wesen fremd wäre. Mich irritierte die eigenartige Widersprüchlichkeit in ihrer Erscheinung: Ihre offenkundig edle Herkunft war unübersehbar entstellt von vielfältigen Spuren erlittener Demütigungen wenn nicht sogar des Missbrauchs. Scheu und voller Selbstzweifel ließen sie sich unweit von mir nieder. Bei einer von ihnen glaubte ich allerdings doch auch so etwas wie einen Anflug von Trotz in den Augen wahrnehmen zu können. Wenn überhaupt, schien nur über sie eine Kontaktaufnahme möglich.

 

Ihre ausgeprägt androgynen Züge hielten mich von einer persönlichen Anrede ab, denn ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich einen Mann oder eine Frau vor mir hatte. Ich verlegte mich daher darauf, den Gast durch intensive Blicke zum Sprechen zu ermuntern. Dieser Versuch schlug fehl. So wandte ich mich den beiden anderen Frauengestalten zu, von denen sich eine schließlich ein Herz fasste und mit leiser Stimme kundtat, dass sie doctrina heiße.

 

Überschwenglich hieß ich sie willkommen: "Lehre, Unterricht, Wissenschaft – das ist ja großartig! Da sind wir ja gewissermaßen Verwandte!" Doctrina blickte bekümmert drein. Natürlich freue sie sich, sagte sie, dass man sich auch heute noch ihrer erinnere, dass sich doctores und Dozenten auf sie beriefen, aber der gute Klang ihres Namens sei doch lange schon dahin. Besonders schmerze sie die unsägliche Namensentstellung Doktrin. "Da stellen sich Politiker und andere selbst ernannte Experten hin, behaupten, ihre Meinung sei allein selig machend, stellen jedes eigene Überdenken ein und verlangen von den Bürgern, ihnen blindlings zu folgen. Wer kann heute noch unbefangen meinen Namen doctrina aussprechen, ohne zugleich Doktrin zu denken und mich damit in die Ecke der Fanatiker und unberechenbaren ‚Weltverbesserer’ zu stellen?" schluchzte sie.

 

Ich fürchtete schon, sie würde nun mit der Aufzählung all derer beginnen, die allein in den letzten Jahrzehnten und Jahren eine Doktrin zur Leitlinie ihres politischen Handelns gemacht und damit in aller Regel Schaden für die Menschen bewirkt haben. Doch doctrina wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, und es blieb mir erspart, Namen hören zu müssen, die auch meinen Gemütszustand aus dem Lot gebracht hätten ...

 

Es dauerte eine Weile, bis doctrina ihre Fassung wieder gewonnen hatte und die Bitternis sogar einem Anflug von Heiterkeit gewichen war. Unvermittelt begann sie von ihrer Kindheit in Griechenland zu erzählen. Dort habe ihre Familie den Namen dokeÝn getragen und in hohem Ansehen gestanden. "Damals, als mich Männer wie Aischylos und Euripides im Munde führten," begann sie, "stand ich durchaus für eine bestimmte Meinung, aber jedem, dem ich ans Ohr drang, stand es offen, seine Zweifel anzumelden; ich war nicht mehr und nicht weniger als eine Vermutung, ein denkbarer Weg zu einer Lösung." Sie lachte auf: "Ohne mich hätte der gute Herodot – unter uns: wir nannten ihn den Märchenonkel – seine vielfach wundersamen Geschichten gar nicht unter’s Volk bringen können: mit seinem häufig eingefügten dok¡v schwächte er seine mitunter eigenwilligen Ansichten immer so ab, dass sich niemand gedrängt fühlen musste, ihm zu glauben." Mit leuchtenden Augen fuhr sie fort: "Am schönsten war es, wenn ich bei Sokrates und seinen Freunden war. Wenn ich ehrlich bin, hat er mich erst zu dem gemacht, was ich geworden bin – na ja" seufzte sie auf, "sagen wir ehrlicherweise, zu dem, was ich den Menschen eigentlich zu bieten hätte. Wie gern hätte ich mich jedem Menschen an die Seite gestellt und ihn erfahren lassen, welchen Gewinn er davonträgt, wenn er sich der Mühe des Lernens und des steten Wissenszuwachses unterzieht. Wie gern würde ich erleben, dass die Menschen durch ihr weitgefächertes Wissen zu so viel Selbstbewusstsein und Selbstbehauptungswillen gelangen, dass sie nicht immer wieder gutgläubig oder willenlos den einschmeichelnden Worten von Verführern jeglicher Coleur verfallen, dass sie ihre Mitmenschen, die Natur achten, dass sie sich nicht laufend selbst überschätzen. Warum gelingt es den Menschen nicht, aus ihrem ständigen Fehlverhalten und dem daraus resultierenden Unheil den Schluss zu ziehen, dass man sich die Zeit für das kontinuierliche Lernen nehmen muss, um mehr über sich und seine eigenen wunderbaren Fähigkeiten aber auch über seine unverrückbaren Begrenzheiten zu erfahren."

 

Kurz schien es, als würde doctrina einen Rückfall in ihre anfängliche Verzweifelung erleiden, doch fing sie sich rasch wieder: "In meiner griechischen Kindheit fing es eigentlich vielversprechend an: der große Homer hat sogar seine nicht gerade zimperlichen Helden im Geist des dokeÝn agieren lassen. Meine Lieblingsstelle in dieser Hinsicht findet sich im siebten Gesang der Ilias. Dort berichtet Homer wie Ajas zum Gegner des Hektor ausgelost wird. Vor dem Kampf prahlt er nicht etwa, der Sieg werde ihm gewiss sein, er belässt es bei einem dok¡v nikhs¡men >ich gehe davon aus, dass ich siegen werde."

 

"Weicheier, diese Griechen! Kein Wunder dass sie uns unterlegen waren!" schallte es da plötzlich aus der Ecke, in die sich die anfänglich so beharrlich das Gespräch verweigernde Gestalt zurückgezogen hatte. "Da bin ich doch heilfroh, für Rom aktiv gewesen zu sein. Als Göttin hat man mich verehrt! Wenn ich nur an das Jahr 532 ab urbe condita (unter uns: = 222 v. Chr.) zurückdenke, als Marcus Claudius Marcellus mir einen Tempel gelobte, bevor er gegen die Griechen in Syrakus zu Felde zog – und sie in meinem Namen natürlich besiegte! Ich, virtus Seite an Seite mit honos. Mannhaftigkeit – Tapferkeit – Ehre: das waren Zeiten!"

 

Ehe ich die Möglichkeit hatte, ihrem Redeschwall Einhalt zu gebieten, fuhr sie auch schon fort. Nach diesem ersten Tempelbau sei es Schlag auf Schlag weitergegangen: kein Feldherr von Rang und Namen habe es sich in der Folgezeit nehmen lassen, den Römern durch die Errichtung weiterer ihr geweihter Tempel vor Augen zu führen, wie sehr ihr Wohl und Wehe von ihr, der virtus abhängig sei: Publius Cornelius Scipio ‚Africanus’, Marius, Pompeius – sie alle hätten ihr zu Füßen gelegen ... "was in Ihrem Namen, werte Frau, schließlich in einen mörderischen Bürgerkrieg einmündete!“ fuhr ich ihr empört dazwischen. „Krieg, immer nur Krieg, wie kann man darauf so stolz sein!" setzte ich mit ungebrochener Heftigkeit nach, wohl wissend, dass ich ihr mit dieser Verengung auf den militärischen Aspekt nicht ganz gerecht wurde.

 

Virtus reagierte prompt: auch sie habe einen griechischen Urahn, Žret® mit Namen. Genau wie zuvor doctrina könne auch sie unter anderem auf Platon verweisen, der sie bzw. ihr griechisches Urbild Žret® auf das höchste gelobt habe: sie verkörpere einen ‚für alle Belange des Lebens tauglichen Menschen’ und dies äußere sich in Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Vernunft und Frömmigkeit. Sie bediente sich sogar der griechischen termini ŽndreÛa, svfrosænh, dikaiosænh, frñnhsiw und õsiñthw. Mit stolz geschwellter Brust fuhr sie fort: "Wer sich diesem erlauchten Kreis zurechnen wollte, musste also einiges an moralischer Integrität in die Waagschale werfen können!"

 

"Reine Rhetorik, Madame! Und schlechte dazu!" erwiderte ich gelassen. "Platon sah die fünf von Ihnen zutreffend genannten Charaktereigenschaften als eine Einheit, so wie zum Beispiel Augen, Nase, Mund, Wangen und Stirn nur gemeinsam ein Gesicht formen. Als virtus haben Sie sich aber aus dieser Gemeinschaft gelöst und sind in Rom mit ihrem neuen Partner honos ihrer eigenen Wege gegangen. Das kommt doch einer Verhöhnung Ihrer griechischen Vorfahren gleich!"

 

Ehe virtus auf meine Vorhaltungen reagieren konnte, brachte ich umgehend selbst das Stichwort ‚Augustus’ in unseren Disput ein. Ich konzedierte virtus, dass sie unter dem ersten römischen Kaiser eine neue Rollenzuweisung erfahren habe. In offenkundiger Anlehnung an das griechische Vorbild habe er aus virtus, clementia, iustitia und pietas, aus Tapferkeit, Milde, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, einen neuen Tugendverbund kreiert und auf einem in der Curia wirkungsvoll aufgestellten goldenen Ehrenschild, dem clipeus virtutis, verewigt.

 

Zum ersten Mal während unseres Zusammenseins gewährte mir virtus ein huldvolles Lächeln – das ihr allerdings rasch verging, als ich den clipeus virtutis der raffinierten Propaganda des Augustus zuordnete. Sie, virtus, habe denn auch nur eine Schamfrist von wenigen Jahrzehnten verstreichen lassen, bis sie ihr Bild in alter Manier auf Münzen in voller Kriegsrüstung habe verherrlichen lassen, und dies bezeichnenderweise wieder an der Seite ihres alten Gefährten honos.

 

Ich war nun nicht mehr zu halten: "Die lateinische Grammatik gibt Ihnen mit einer Sondergenehmigung das Recht, sich als Femininum ausgeben zu dürfen. Auf ihren Münzbildern machen Sie davon denn auch weidlich Gebrauch. Obwohl – Ihr Körper ist unter all dem Waffen- und Rüstungsgeschirr nicht einmal wirklich auszumachen. Lateinische Grammatik hin, römische Ikonographie her, in Wirklichkeit sind Sie, wie Ihr von vir – viri, ›maskulinum der Mann‹ abgeleiteter Name unübersehbar bekundet, durch und durch ein Mann. Eine Person, die so einseitig das ‚Mannhafte’ vertritt, wie Sie, hat in unserer Zeit, die sich um die Gleichstellung von Frauen und Männern bemüht, keinen Platz mehr! Sie sind ein Relikt aus alten, endlich überwundenen Zeiten! Auch das Johanneum trägt schon seit geraumer Zeit nicht mehr den Jahrhunderte alten Zusatz ›Gymnasium für Jungen‹ in seinem Namen und hat jetzt sogar eine Schulleiterin."

 

Da ich nun einmal in Rage geraten war, schoss ich noch einige weitere Giftpfeile ab: "Es war zugegebenermaßen ein eleganter Trick von Ihnen, sich im 18. Jahrhundert italienisch gekleidet zu haben, um sich als virtuoso Eingang in die Welt der Schönen Künste zu verschaffen. Doch heute sind Sie unter dem modischen Begriff virtuell dort gelandet, wo Sie hingehören: in einer Scheinwelt, angehimmelt von Menschen, die sich aus der Realität verabschiedet haben und sich mit den verführerischen Mitteln der Technik in eine selbst vorgegaukelte ‚heile Welt’ hineinträumen!"

 

Ich merkte, dass ich zu weit gegangen war, hielt inne und schwieg beschämt. Es herrschte eine beklemmende Stille, aus der ich mich schließlich befreite, indem ich die dritte weibliche Gestalt ansprach. Angesichts der Anwesenheit von doctrina und virtus konnte kein Zweifel über ihre Identität aufkommen: Es konnte natürlich niemand anders als humanitas sein.

 

"Verehrte humanitas", sprach ich sie aus tiefer Überzeugung, aber auch wegen meiner voraufgegangenen Ausfälligkeiten gegenüber virtus betont freundschaftlich an, "Verehrte humanitas, Sie waren schon immer, und sind heute vielleicht mehr denn je, ein besonders wertvoller Schatz für uns Menschen." – "Schon gut, schon gut!" fiel sie mir sanft aber deutlich ins Wort. "Ich bin es gewohnt, dass man mir Freundlichkeiten sagt. Aber ich weiß nur zu gut, wie bunt die Schar derer zusammengesetzt ist, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf mich berufen haben und mich noch heute zu ihrem Leitbild machen. Natürlich hat mich der leidenschaftliche Eifer der großen Gestalten in der Renaissance beeindruckt, als sie den Humanismus ausriefen. Allein schon die große Bedeutung, die sie – unter Berufung auf mich – der Kunst beimaßen, empfand ich als wohltuend. Aber wie das eben so geht, wenn zu viel Enthusiasmus im Spiel ist, entgleiten die Dinge dann leicht in eine abgehobene Sphäre. Mir war von Anfang an klar, dass der Ruf »zurück zur Antike« niemals den von den Humanisten ersehnten allseitig gebildeten und ethisch gefestigten Menschen hervorbringen würde. Einen Menschen, der aus dieser Prägung heraus jederzeit sein eigenes Handeln kritisch reflektiert. Ich hatte in meiner antiken Kindheit hautnah miterlebt, wieviel Aufhebens man damals um mich gemacht hat – ich sage nur ›Cicero‹ – ohne dass ich jemals etwas in punkto Menschenwürde hätte verwirklichen können. Ich kann deshalb ehrlicherweise auch nicht jene Männer um Montaigne verurteilen, die sich im 16. Jahrhundert dem Humanismus der Renaissance entgegenstellten und ein stärker an der Lebensrealität orientiertes Menschsein forderten. Gefreut hat mich dann aber doch, dass man diesen ‚Realisten’ das Feld letztlich dann doch nicht allein überließ – ich sage nur Schiller und Goethe ..."

 

Bei dem Stichwort ‚Goethe’ schreckte ich auf. Mir kam ins Bewußtsein zurück, dass ich mich ja eigentlich darangemacht hatte, meinen Text für die Festrede zum Schuljubiläum zu schreiben und dass ich mir fest vorgenommen hatte, in diesem Zusammenhang nicht klischeehaft auf den ‚großen Dichter’ zurückzugreifen. Und nun war der Name doch gefallen. Ich lenkte das Gespräch deshalb aus der Zeit des Neuhumanismus in die Gegenwart. Ich war neugierig zu erfahren, wie humanitas auf ihre doch ein wenig überraschende Wiedergeburt ausgerechnet in Amerika reagieren würde und stellte das Stichwort humanities in den Raum. Es kann humanitas kaum verborgen geblieben sein, dass sie auch an den deutschen Universitäten in das Korsett anglisierter Bezeichnungen gepresst und als humanities kürzlich zum Sammelbegriff für die geisteswissenschaftlichen Fächer auserkoren wurde.

 

Auf dem Gesicht der humanitas mischte sich in die würdevolle Erscheinung wieder der Ausdruck von Niedergeschlagenheit, wie er mir gleich zu Anfang aufgefallen war. "Ja", sagte sie, "darüber habe ich auch schon mit meiner Schwester scientia gesprochen. Sie ist ja ebenso betroffen wie ich. Früher einmal war scientia für den gesamten Bereich des Wissens und der wissenschaftlich fundierten Kenntnis in allen Fachgebieten zuständig. Ich als humanitas war stets darum bemüht, die Menschen zu motivieren, das erworbene weitgefächerte Wissen für alle Belange des Lebens und zum Wohle aller zu nutzen. Ich habe vorhin sehr genau hingehört, als doctrina über das Auftreten der Doktrinäre klagte. Wir, scientia und ich, die humanistas, sind den derzeit dominierenden ›es-muss-sich-alles-sofort-rechnen-Doktrinären‹ ein Dorn im Auge: scientia, das allumfassende Wissen, wird deshalb amputiert und dem Fetisch des Spezialistentums geopfert. Scientia, in der jetzigen Forschungssprache auch unseres Landes zu ›science‹ mutiert, bezeichnet plötzlich nur noch die Naturwissenschaft, in der geadelten Form ›life-science‹ darf sich im übrigen noch die Medizin mit der neuen Definition von wahrer Wissenschaftlichkeit schmücken.

 

Ich mache mir als humanitas, Verzeihung humanities, nichts vor: ich stehe unter dem neuen Etikett nur noch für das, was abseits des von der Wissenschaftspolitik und der Forschungsförderung als wirklich wichtig Erachteten nun einmal traditionellerweise auch noch da ist, was irgendwie ganz schön ist, solange man es sich leisten kann, was aber eine willkommene Ressource ist, wenn man Stellen umwidmen will oder schlicht und einfach im Bildungs- und Wissenschafts- oder Kulturetat Kürzungen vornehmen will."

 

Schon während der letzten Sätze hatte sich humanitas von mir abgewandt und bewegte sich nun in Richtung der beiden abseits wartenden Frauen.

 

Werte Festgäste,

 

hier endete das Gespräch mit meinen drei Besucherinnen. Sie verstummten, blieben aber in meiner Nähe und beobachteten mich, wie ich vor dem noch immer weitgehend unbeschriebenen Blatt saß, auf dem eigentlich der Text meiner Festrede hätte Gestalt annehmen sollen. Für einen kurzen Augenblick überkam mich panischer Schrecken. Wie sollte ich den Erwartungen gerecht werden und hier in dieser festlichen Stunde etwas Positives über das Motto des Johanneums Doctrinae – Virtuti – Humanitati vortragen, wenn die Namensträger offenbar mit sich selbst nicht wirklich im Reinen sind?

 

Doch beim Anblick von doctrina und humanitas, die mich eng aneinandergeschmiegt erwartungsvoll anschauten, wurde mir bewusst, dass sie mich mit ihren Worten nur hatten herausfordern wollen.

 

Ich rief ihnen leicht verlegen aufmunternd zu: "Seid frohen Mutes, wir lassen uns nicht unterkriegen. Wo sollte das Problem sein, weiterhin dafür einzutreten, dass sich Schülerinnen und Schüler umfassendes Wissen aneignen und das Erlernte sinnvoll einsetzen?"

 

Doctrina und humanitas schüttelten ihre Köpfe. Wortlos winkten sie die von mir so schäbig ins Abseits manövrierte virtus zu sich heran und nahmen sie – getreu dem Schulmotto – ostentativ in ihre Mitte.

 

Ich verstand: Auf sich allein gestellt, sind und bleiben doctrina und humanitas auch in unserer Zeit ohne weiteres Zutun eine schöne Idee, dem rauen Wind des ökonomisierten Zeitgeistes hilflos ausgeliefert.

 

Wenn junge Menschen wirklich die Chance erhalten sollen, durch das in der Schule Erlernte befähigt zu werden, ihr weiteres Leben eigenverantwortlich zu gestalten, dann dürfen die kostbaren, von der Schule geprägten Jugendjahre nicht dazu missbraucht werden, das Lernen auf die spätere praktische Nutzanwendung im Berufsleben zu verengen. Wertfreie umfassende Bildung, wie sie in der Idee der Humanität verwurzelt ist, muss Vorrang haben vor einer Ausbildung zum einseitigen Spezialisten. Nur solchermaßen gebildete Menschen sind zu einer Lebensgestaltung befähigt, in der Menschenwürde – und zwar nicht nur die eigene – sondern in gleicher Weise der Respekt vor dem Mitmenschen prägende Grundelemente sind.

 

Bildung bietet den sichersten Schutz vor den uns bedrohenden Geißeln wie Intoleranz, Selbstüberschätzung, Fundamentalismus. Nur wer durch fundiertes Wissen, wer durch den von doctrina und humanitas gewährten Fundus befähigt ist, sich ein eigenes Urteil zu bilden, wird nicht jedem Wortführer an den Lippen hängen, wird nicht jeder politischen oder religiös verbrämten Rhetorik zum Opfer fallen. Weitverbreitete Bildung im Sinne von humanitas würde die Zahl der vielen humanitären Katastrophen deutlich reduzieren, weil ihre Ursachen entweder von vornherein entfielen oder zumindest nicht mehr so leicht zu verdrängen wären.

 

Nun gilt es aber, die Idee der Humanität in ein Umfeld zu implementieren, in dem die Wirtschaft den schnellen Profit anstrebt, die Politik den kurzfristigen, weil wahltaktisch terminierten Erfolg vor Augen hat, und ein Großteil der Bevölkerung den augenblicklichen individuellen Genuss ungern missen möchte. Für großzügig bemessene Freiräume zur Förderung von Allgemeinbildung und breitem Wissen ist in einer solchermaßen mit der Zeit geizenden Gesellschaft, die den hohen Stellenwert von vertieftem Nachdenken, Muße, Weitblick und Nachhaltigkeit kaum Bedeutung beimisst, wenig Spielraum. Hier bedarf es mutigen Auftretens und beherzter Entschlossenheit, um den nur mit langem Atem zu erreichenden Erfolg zu erlangen!

 

Nun ging alles ganz schnell.

 

Ich blickte virtus tief in die Augen:

 

"Virtus, verzeih mir meine abfälligen Worte von vorhin! Auch dich brauchen wir dringend für unser Anliegen – und zwar so (Cicero wird es mir nicht verzeihen), wie dich der gute Sallust verstanden hat: als Inbegriff von Furchtlosigkeit und Tapferkeit im Eintreten für ein intaktes Gemeinwesen, das sich auf innerlich gefestigte Bürger stützen kann. Als mutige Antriebskraft bist du für den Erfolg von doctrina und humanitas unverzichtbar. Euch drei nunmehr in harmonischer Gemeinschaft vor mir zu sehen, stimmt mich froh und macht mich zuversichtlich."

 

Da steht es also wieder vor mir, das Motto unserer Schule, das mir zum ersten Mal begegnete, als ich im Jubiläumsjahr 1956 an das Johanneum kam. Heute, fünfzig Jahre später, kann ich mit großer Dankbarkeit sagen, dass die Trias Doctrina, Virtus und Humanitas als guter Stern über meinem Leben stand und steht. Ich wünsche denen, die sich derzeit als Lehrende und Lernende dem Johanneum anvertraut haben und darüber hinaus vielen weiteren Generationen: mögen auch sie die Erfahrung machen, dass es lohnt, das zugegebenermaßen anspruchsvolle Motto Doctrinae – Virtuti – Humanitati ernst zu nehmen, sich auf dieser Grundlage beherzt allen Herausforderungen zu stellen und dadurch ein vielfältig bereichertes Leben zu führen.

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