G. Hermann Stoltz - Ein Unternehmer und seine Firma

Als G. Hermann Stoltz mit 21 Jahren 1866 als einziger Passagier des Segelschiffs "Brasileira" in Rio de Janeiro ankam, konnte noch niemand ahnen, dass er eines Tages ein erfolgreicher Unternehmer werden würde. Mit einem Empfehlungsschreiben in der Tasche bewarb er sich bei der Firma "Brandes Kramer & Ferreira". In Brasilien gab es damals noch keine Industrie, deshalb lohnte es sich Fertigwaren zu importieren: Eisenwaren aller Art, Streichhölzer, Textilien , aber auch Baumaterialien und sogar Fisch (Klippfisch und Bacalhau). Die Geschäfte wurden auf Konsignationsbasis getätigt, das heißt die Waren mussten erst nach Verkauf an den Kunden bezahlt werden oder waren mit Wechseln über Londoner Banken finanziert, die nach Laufzeiten von mehreren Monaten bis zu einem Jahr beglichen werden mussten. Wegen der europäischen Finanzierung waren die Wechselkursverhältnisse von großer Bedeutung. (Der Klippfisch- und Bacalhau- Import lag damals in der Hand der Freimaurer, so dass Stoltz später selbst der Loge beitrat, um an diesem Geschäft weiter Anteil zu haben).

 

G. Hermann Stoltz als junger Mann

 

G. Hermann Stoltz wurde wegen seiner guten Schrift als Schreiber eingestellt. Er lernte in erstaunlich kurzer Zeit die portugiesische Sprache. Außerdem konnte er gut mit Menschen umgehen. Seine kaufmännische Begabung ließ ihn zu einem am Gewinn beteiligten Mitarbeiter der Firma aufsteigen. Als seine Mutter starb, brachte er sein Erbe von 10.000 Talern in die Firma ein und wurde Teilhaber. Nachdem 1877 das erste "Deutsche Dampfschiff" des Norddeutschen Lloyd's nach Rio gefahren war, wurden ganze Schiffsladungen an die Firma Brandes Kramer & Ferreira geliefert. Stoltz stieg zum Hauptinhaber der Firma auf und so wurde sie 1884 in "Herm. Stoltz & Co" umbenannt; gleichzeitig wurde das Einkaufshaus "Hermann Stoltz & CIE" in Hamburg am Glockengießerwall 25/26 gegründet (Eintrag als OHG ins Handelsregister 1905). Da die Familie ab 1884 wegen der Schulpflicht der Kinder nach Hamburg übersiedelte und sich auch das Einkaufshaus in Hamburg befand, waren unendlich viele Schiffsreisen nötig, die mit Umsteigen bis zu 4 Wochen dauern konnten. Natürlich musste man auch weit entfernte Kunden und Lieferanten kennen lernen.


1892 wurde eine Filiale in São Paulo eröffnet. Da sich mit der Versicherung von Schiffsladungen viel Geld verdienen ließ, wurde die H. Stoltz & CIE Agent für diverse internationale Versicherungsgesellschaften. 1884- 1944 beteiligte sich Stoltz an den Dannemann- Zigarrenfabriken in Brasilien. Durch den Einstieg in den Bier-Import entstand 1910 die Niederlassung in Recife/Pernambuco. Nach 1910 gelang der Firma ein kometenhafter Aufstieg. Um diese Zeit übernahm Rudolf Hans Stoltz, der einzige Sohn, die Geschäftsleitung in Brasilien, während sich sein Vater um die Organisation von Geschäften in Hamburg kümmerte. Inzwischen wurden auch Maschinen aus Deutschland hauptsächlich für landwirtschaftliche Betriebe importiert. Motorräder und Autos kamen hinzu, brachten aber eher Verluste. Um 1910 schätzte G. Hermann Stoltz sein Vermögen auf etwa 8- 12 Mio. Goldmark. In seinem Wohnort in Wentorf war G. H. Stoltz innerhalb des damaligen preußischen Dreiklassenwahlrechts der einzige Wähler der 1. Klasse.

 

Durch den ersten Weltkrieg fielen die Gewinn bringenden Importe aus, und weil H. Stoltz während der Kriegsjahre vertragsgetreu seine Schulden bei einer englischen Bank tilgte, schien die finanzielle Lage bis 1918 hoffnungslos zu sein. 1919 erhielt man aber weitere Kreditzusagen, so dass die Firma H. Stoltz in den zwanziger Jahren als bedeutendster Hamburger Exporteur für Brasilien galt. Man lieferte Maschinen nach Brasilien und Holz, Tabak und Kakao nach Deutschland (nur Kaffe nicht). Durch die Verbindung mit dem Norddeutschen Lloyd/Bremen wurde das Schifffahrtsgeschäft ausgebaut. Mit der Weltwirtschaftskrise 1928/29 kam auch die brasilianische Zucker- und Kaffeekrise. Große Lieferungen von Maschinen für die Zuckerfabriken in Nordost-Brasilien wurden nicht bezahlt und die Schulden der Käufer mit langfristigen brasilianischen Staatsanleihen beglichen. Nur die freundschaftlichen Beziehungen zu Londoner Banken ermöglichten der Firma Stoltz das Überleben .

 

Die Familie G. Hermann Stoltz

 

Die Hamburger Firma am Glockengießerwall 25/26 (gegenüber der Kunsthalle) hatte damals etwa 60 Mitarbeiter. Der Baumwoll- Export aus Brasilien nach Deutschland boomte und die Firma H. Stoltz hatte daran großen Anteil. Am 1. 12. 1927- bereits ein gutes halbes Jahr nach dem Atlantikflug von Charles Lindbergh - wurde in Rio das "Syndicato Condor LTDA" gegründet, eine Gesellschaft, die die Möglichkeiten der Luftschifffahrt ausbauen sollte. H. Stoltz war einer der Aktionäre. Verbindungen zur Lufthansa, zur Zeppelin- Reederei Friedrichshafen und zum Aerolloyd entstanden. !932 nahm der Zeppelin den Post- und Passagierverkehr nach Brasilien auf. Die deutsche Condorgesellschaft flog an der brasilianischen Küste die größeren Städte an. Erst nach 1937 wurde der Zeppelinbetrieb nach dem Brand des "Hindenburg" in New York eingestellt.


Einen Monat, nachdem er von der Öffentlichkeit mit Berichten in vielen Tageszeitungen beachtet seinen 90. Geburtstag gefeiert hatte, starb G. Hermann Stoltz am 12.12. 1939 und wurde in Reinbeck beigesetzt. Der Zweite Weltkrieg wurde für die Firma Stoltz eine Katastrophe. Nur über so genannte "Blockadebrecher" (Schiffe mit neutraler Flagge) konnte man noch eine Zeitlang Aufträge verschicken. Als Brasilien 1942 Deutschland den Krieg erklärte, wurden die brasilianischen Firmenfilialen zwangsliquidiert, weil ihre Eigentümer deutsche Vorfahren hatten. Obwohl die meisten Familiennachkommen in Brasilien geboren waren und die brasilianische Staatsangehörigkeit besaßen, wurden Familienmitglieder und Firmenmitarbeiter teilweise bis nach 1945 inhaftiert. Mit dem Erwerb von Kriegsanleihen und der Entwertung des Bargeldes ging der größte Teil der verbliebenen Werte des Hamburger Kontors verloren. Nach 1945 versuchten zwei Söhne von Rudolf Hans Stoltz, der 1958 starb, einen neuen Anfang durch Geschäfte mit elektrischen Haushaltsartikeln und der Gründung verschiedener Firmen. 1966 wurde eine Nähmaschinen- und Büromaschinenfirma geschlossen. 1956 wurde in Brasilien eine Fa. Herm. Stoltz S.A. gegründet und florierte einige Jahre. Da in Brasilien aber mittlerweile eine eigene Industrie entstanden war, gingen die Exporte zurück. Die brasilianische Firma stieg in die Elektrizitätsbranche ein und stellte in den 60'er und 70'er Jahren Elektromotoren und Generatoren her. Sie verlor aber den Konkurrenzkampf gegen große Kartellfirmen auf dem brasilianischen Markt. Die Firmengruppe ist heute nicht mehr aktiv.


Gerhard Glombik