Johann Abraham Peter Schulz - Vom Chorknaben zum Hofkapellmeister

Tafel am Geburtshaus von J.A.P. Schulz

 

Es war für Lüneburg und das Johanneum nicht gerade eine glanzvolle Zeit, die J.A.P. Schulz 1757 - 1764 als Schüler des Johanneums erlebte. Der seit dem 17. Jahrhundert andauernde wirtschaftliche Abstieg Lüneburgs, das als Provinzstadt kaum mehr Entwicklungsmöglichkeiten bot, wurde verschärft durch die Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756 - 63). Für Lüneburg bedeutete das die Einquartierung von Verwundeten in alle leerstehenden Gebäude inklusive des Johanneums, das 1763 nur 49 Schüler in drei Klassen besaß. 1758 hatte eine Fleckfieberepidemie Lüneburg heimgesucht, der 7% der etwa 9000 Einwohner zum Opfer gefallen waren.Hinzu kam der grundlegende Wandel der Gesellschaft und des Musiklebens. Das Zeitalter des Rokoko löste die Barockzeit ab und das Bürgertum wurde gegenüber dem Adel und der Kirche wirtschaftlich und kulturell bedeutsamer.

 

Rationalismus und Aufklärung führten zu einem Niedergang der Kirchenmusik, die bis dahin immer noch die Hauptquelle der Musik gebildet hatte, wie man am Werk J.S. Bachs sehen kann. In der Lüneburger Michaeliskirche entfernte man Ende des 18. Jahrhunderts ganz im Sinne des Rationalismus die religiösen Kunstschätze, vereinfachte die Gottesdienstliturgie und vermied lang dauernde Orgelpräludien.

 

Geburtshaus von J.A.P. Schulz in der Waagestraße

 

Dennoch war es gerade die Kirchenmusik, die den Schüler J.A.P. Schulz, der am 31.3. 1747 als Sohn eines Bäckermeisters getauft wurde, begeisterte und musikalisch förderte. Obwohl sein Vater ihn gern als Prediger in Lüneburg gesehen hätte, erkannte seine Mutter die musikalische Begabung ihres Sohnes und schickte ihn zunächst auf die Michaelisschule, wo er im Schulchor wegen seiner schönen Stimme auch als Solist bei Kirchenmusiken mitwirkte und beim Kantor von St. Michaelis Instrumentalunterricht erhielt. Als Schulz die Michaelisschule verließ und zum Johanneum wechselte, sang er auch hier im Schulchor und erhielt beim Kantor der Johanniskirche und Telemannschüler J. Ch. Schmügel gründlichen Unterricht in Musiktheorie und Komposition. In der Biographie von Reichardt (Kassel 1947) heißt es: "Er kam nun auf die Johannisschule, wo er drei Jahre blieb und außer den gewöhnlichen Wissenschaften und Sprachunterricht auch im Singen Unterricht erhielt. Bald war er der erste Diskantist im Chor, der bei Kirchenmusiken und während des Winterhalbjahres auch auf der Straße zu singen pflegte. Er nahm daneben Unterricht bei dem damals geschätzten Organisten an der Johanniskirche Schmügel, außerdem noch Unterricht am Klavier. Schmügel sprach oft mit großer Verehrung von Kirnberger in Berlin und weckte dadurch sein Verlangen nach dieser damals blühenden Residenz der Tonkunst."

 

Sein Vater wollte verhindern, dass er Musiker wurde, und sagte des öfteren: ' Lass nur das ewige Fiedeln und nimm ... ein geistliches Buch vor die Nase ! Ich will keinen Bierfiedeler an dir erleben.' Seit seinem 14. Lebensjahr stand Schulz in Briefkontakt zu C. Ph. E. Bach (1714- 85), der damals in Berlin wirkte, und entwickelte deshalb den Wunsch dort zu studieren. 1765 verließ Schulz seine Heimatstadt und erhielt Unterricht bei J. Ph. Kirnberger, der ein Schüler J. S. Bachs gewesen war. 1768 konnte er auf Empfehlung Kirnbergers als Klavierlehrer an die polnische Gräfin Sapieha vermittelt werden, die er auf Bildungsreisen durch Europa begleitete. Als er ab 1773 wieder in Berlin weilte, begann seine eigentliche Karriere. Er verfasste Artikel für ein Musiklexikon, gab unter dem Namen Kirnbergers die "Wahren Grundsätze zum Gebrauch der Harmonie" heraus ( 1773, Nachdruck Hildesheim 1970 ) und wurde 1776 Musikdirektor des Französischen Theaters in Berlin, für das er die Oper L' impromptu schrieb. Als das Theater aus Kostengründen vom königlichen Hof aufgelöst wurde, nahm er eine Stelle als Kapellmeister bei Prinz Heinrich, dem Bruder Friedrichs II., am Schloß von Rheinsberg an, wo er u.a. Schauspielmusiken wie Athalia und das Melodram Le Barbier de Séville (1786) komponierte. Nachdem man am Hof von Rheinsberg seinen kompositorischen Stil, der sich nicht mehr am strengen Kontrapunkt orientierte, kritisierte, gab er seine Stelle auf. Er wurde 1787 Hofkapellmeister am dänischen Königshof in Kopenhagen und verwirklichte in seiner praktischen Arbeit auch seine musiktheoretischen Interessen. Schon während der Zeit in Rheinsberg hatte sein Hauptaugenmerk immer mehr den volkstümlichen Liedern gegolten, durch die er sich gemäß den Idealen der Aufklärung eine kulturelle und sittliche Förderung des Volkes erhoffte. 1782 und 1785 veröffentlichte er zwei Bände seiner Lieder im Volkston und wurde dadurch zum Haupt der sogenannten "Zweiten Berliner Liederschule", die sich um möglichst volksnahe Liedkompositionen bemühte. Er schuf nach dem erstarrten Odenstil der Barockzeit ein neues schlichtes Kunstlied. 1790 erschien der dritte Band dieser Sammlung. Die Noten der bekannten Lieder Der Mond ist aufgegangen und Ihr Kinderlein kommet stammen aus der Feder von J. A. P. Schulz. Mit seiner Schrift Gedanken über den Einfluss der Musik auf die Bildung eines Volkes... (1790) machte er sich als Musiktheoretiker einen Namen. Er gab er als Ziele für eine volkstümliche Musik an: die Besserung des moralischen Charakters, die Veredelung der Empfindung und die Verbreitung von Freude und Geselligkeit im Volk. Er hatte keine Probleme damit, als Deutscher mit Singspielen über die Bauernbefreiung das dänische Nationalempfinden und die Verbundenheit der verschiedenen dänischen Landesteile zu fördern, was ihm hohe Anerkennung seitens der Dänen einbrachte. Im Familienleben durchlebte J.A.P. Schulz Glück und Unglück. 1781 heiratete er die 16- jährige Wilhelmine Flügel, die aber schon 3 Jahre später an Tuberkulose starb. Zwei ihrer Kinder starben bald nach der Geburt. Schulz heiratete 1786 Caroline Flügel, die Schwester seiner ersten Frau, die ebenfalls der Tuberkulose 1797 erlag. 1792 verlor er einen Sohn durch einen häuslichen Unfall. Schulz wurde 1795 wegen seiner angegriffen Gesundheit aus dem dänischen Dienst entlassen; auch er hatte sich vermutlich bei seiner Frau mit Tuberkulose angesteckt. Er starb am 10.6. 1800 in Schwedt. Aus Anlass seines 200- jährigen Todestages fand im Juni 2000 ein Vortrag von Dr. Andreas Jaschinski und ein Konzert mit einigen seiner Werke im Lüneburger Rathaus statt.

 

 

Autor: Gerhard Glombik -- zuletzt geändert: 20.5.2009 15:08

Nachrichten